Edingen-Neckarhausen

Edingen-Neckarhausen Jutta Duwe beschreibt in ihrem Buch, wie die Stasi ihr Leben veränderte / „Im Visier der unsichtbaren Macht“ erzählt von einer Liebe, die nicht sein durfte

„Sie wussten alles von mir, das war das Schlimmste“

Archivartikel

Ein Abschiedsbrief besiegelte das Ende von Jutta Duwes großer Liebe. Allerdings stammte er nicht von ihrem „John“, sondern aus der Feder der Stasi, der Staatssicherheitsbehörde der DDR. Die hatte entschieden, dass die Beziehung zwischen der ostdeutschen Bankerin und dem westdeutschen Architekten nicht sein darf. In ihrem autobiografischen Roman „Im Visier der unsichtbaren Macht“ erzählt Duwe von dieser Liebe, von Neid, Verrat und verpassten Chancen. Eine wahre, filmreife Geschichte, die kein Autor hätte besser erfinden können.

Detailgetreu beschreibt Duwe den Alltag junger Leute in der DDR Mitte der 1970er Jahre. Sie erzählt vom Leben mit „John“, der für drei Jahre beruflich nach Halle kam, Duwes Heimatstadt. Gemeinsam mit Duwes kleinem Sohn aus erster Ehe erleben die beiden eine intensive Zeit mit Gesprächen über eine gemeinsame Zukunft. „John“ schmiedete Fluchtpläne, die Duwe wegen des Sohnes verwarf. „Ich wollte legal ausreisen“. Also kehrte er alleine in den Westen zurück, Duwe beantragte ein Besuchsvisum für ihn. „Ein fataler Fehler“, wie sie heute weiß. Zwar durfte er sie noch einmal besuchen, dann folgte der Abschiedsbrief. Sie stellte einen Ausreiseantrag und verlor daraufhin ihre Stellung bei der Deutschen Außenhandelsbank, musste mehrere Stasi-Verhöre über sich ergehen lassen. Für das auf Geheimhaltung ausgerichtete System war sie nicht mehr tragbar.

Um ihr Glück betrogen

1984 schließlich konnte sie ausreisen. „Ich hatte den Koffer in der linken, meinen Sohn an der rechten Hand.“ Es gelang ihr, für sich und ihren Sohn schnell ein neues Leben in Edingen-Neckarhausen aufzubauen. „John“ sah sie trotz der sofort eingeleiteten Suche nie wieder. Es gab nur ein kurzes Telefonat mit dem inzwischen verheirateten Familienvater, in dem sie erfuhr, dass auch er einen Abschiedsbrief von ihr erhalten hatte.

Eigentlich wollte sie die Geschichte auf sich beruhen lassen. Doch als der Film „Das Leben der Anderen“ 2007 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde, beantragte sie Einsicht in ihre Stasiakten. „Obwohl ich dachte: Wer soll sich schon für eine anständige, alleinerziehende, berufstätige Frau interessieren?“ Entsetzt stellte sie fest, dass ihr gesamtes Leben in diesem Zeitraum nahezu lückenlos und auf mehreren hundert Seiten akribisch dokumentiert worden war. „Man hatte mich Tag und Nacht bespitzelt, sie wussten alles von mir. Das war das Schlimmste.“ Duwe war als FO, als „Feindobjekt“, eingestuft worden. Auf sie angesetzt war ihre damalige beste Freundin. „Ich habe ihr Jahrzehnte vertraut, sie sogar nach ihrer Ausreise vorübergehend bei mir aufgenommen.“

Neben ihren Liebesbriefen an „John“ fand sie auch den Abschiedsbrief, mit dem die Stasi in ihrem Namen die Beziehung beendet hatte. Nach mehr als zwanzig Jahren ergab die schmerzhafte und unerklärliche Trennung plötzlich Sinn, sie hatte umsonst um ihre große Liebe gekämpft. Beide waren um ihr Glück betrogen worden.

Plötzlich war die Geschichte wieder ganz nah. Duwe begann, sie aufzuschreiben. Ihre Erinnerungen ergänzte sie durch die Erkenntnisse aus ihren Stasi-Akten. Sie nahm sich Zeit zum Schreiben, suchte lange nach einem Verlag. 2018 schließlich konnte „Im Visier der unsichtbaren Macht“ auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt werden. Den Titel ziert ein kleines Porträtfoto der Autorin, aufgenommen in den 1970er Jahren. Auf fast 600 Seiten kann man nun eintauchen in Duwes Leben zwischen den Jahren 1977 bis zu ihrer Ausreise in den Westen 1984. „Das ist nur ein Teil, allerdings der entscheidende, wichtigste und interessanteste.“

Viel Persönliches gibt sie in ihrem Roman preis. Damit hat sie kein Problem: „Ich habe nichts zu verbergen - eine Liebesgeschichte ist doch eigentlich kein Verbrechen.“ Und obwohl sie sagt: „Die Stasi hat meine große Liebe zerstört“, kann sie ihrer Lebensgeschichte auch Positives abgewinnen: „Es war nicht umsonst. Er hat mein Leben verändert, ohne ihn hätte ich nie die freie Welt kennengelernt“, sagt sie heute. „Das alles habe ich ihm zu verdanken.“

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