Edingen-Neckarhausen

Edingen Brigitte Wildberger bei Rednerwettstreit in Berlin ausgezeichnet / Persönliche Geschichte lange verdrängt – und dann erzählt

Vortrag löst den inneren Knoten

Archivartikel

Wenn Brigitte Wildberger redet, sieht man ihr fast nichts an. Erst wenn sie lacht – und das tut die 44-jährige Wahl-Edingerin gern –, machen sich die Folgen ihres Unfalls bemerkbar. Die linke Gesichtshälfte bewegt sich dann nicht mit, und als ihr Gegenüber bekommt man eine Ahnung von dem schlimmen Tag vor 34 Jahren, den sie so lange aus ihrem Leben verdrängt hat. Erst vor wenigen Wochen hat sie ihn hervorgeholt, für einen Rednerwettstreit im September in Berlin. Sie stellte sich ihm ganz bewusst, breitete ihn vor Publikum aus, durchlebte ihn hörbar bewegt noch einmal. Die Jury belohnte sie dafür mit einem „Excellence Award“ in der Kategorie „Persönliche Geschichte“.

Die schwere Trophäe des Veranstalters Hermann Scherer, Buchautor und Vortragsredner, steht jetzt auf der Fensterbank des Wohnzimmers in Wildbergers Edinger Wohnung. Bei einer Tasse Kräutertee erzählt die Mutter einer erwachsenen Tochter, warum ihr der Auftritt – oder besser: die Teilnahme – jedoch viel mehr bedeutete. „Für mich war das eine doppelte Urkunde“, sagt sie. Denn sich endlich ihrer eigenen Geschichte zu stellen, „das war die unbewusste Lösung meines Lebensproblems“.

Ein Sommertag im Jahr 1986. Die zehnjährige Brigitte isst mit ihrer drei Jahre älteren Schwester in Ladenburg ein Eis. Mit dem Fahrrad machen sich die beiden Kinder anschließend auf den Heimweg nach Seckenheim. Es gibt Streit. Die Ältere will den schöneren Weg fahren, die jüngere, wirbelige Brigitte wählt den schnelleren. Ihre Fahrt endet an diesem Tag an einem OEG-Übergang.

Keine Erinnerung mehr

„Ich weiß nicht mehr, ob ich die Bahn übersehen habe oder gedacht habe, ich komme noch vor ihr rüber“, sagt die erwachsene Brigitte heute.

Die Zehnjährige wird von der Bahn mitgeschleift, erleidet einen Schädelbasisbruch. Die linken Gehörknöchel zerstören ihren Gesichtsnerv. Als sie Tage später im Krankenhaus erwacht, weiß sie nichts mehr.

„Ich dachte, ich bin zu Hause und habe den Lichtschalter neben meinem Bett gesucht“, erzählt Brigitte Wildberger kopfschüttelnd und lacht.

Als Wochen später das Schlimmste überstanden war, habe sie sofort wieder in die Schule gewollt – „zu meinen Freunden, aber bloß nicht in die Reha“. Mit dieser Entscheidung, sagt Wildberger, hadere sie noch heute. Denn während Außenstehende selbstverständlich die Folgen des Unfalls sehen konnten – die Glatze, das „scheppe Gesicht“, wie es eine wildfremde Frau einmal nannte –, fühlte sich das Mädchen „normal“ und kultivierte das eigene äußere Bild von sich. „So wurde ich zu einer Pippi Langstrumpf, die alles Unangenehme verdrängt hat, weil sie mit zehn Jahren nicht damit klargekommen wäre“, beschreibt es Wildberger auf der Bühne in Berlin. Das Video kann man im Internet auf Youtube anschauen.

Viele Jahre hielt die Fassade. Niemand in der Familie, so erzählt die 44-Jährige, habe sich dem Schmerz gestellt. Sie selbst schon gar nicht: „Ich habe mir einen verbalen Holzhammer angewöhnt. Der war manchmal so hart, dass ich danach keine Möglichkeit mehr hatte, mich zu entschuldigen.“ Alles nur, um sich der eigenen Verletzlichkeit nicht zu stellen, wie sie erklärt – und weil sich „die Außenwelt nicht traut, so etwas anzusprechen“.

Der Redewettstreit, zu dem Wildberger am Rande eines Seminars des Veranstalters die Gelegenheit ergriff, löste für sie den Knoten. Schon länger möchte sie ein Buch über ihre Geschichte schreiben, hatte es schon angefangen – jetzt hat sie das Gefühl, es weiterschreiben zu können. „Wie viel anders ist normal?“ schwebt ihr als Titel vor. Mit dem Thema kennt sie sich aus, nicht nur aus eigener Erfahrung. Als Teamleiterin beim Heidelberger Intensivpflegedienst Brambring & Jaschke betreut sie Patienten, die beatmet werden müssen – auch hier begegnet sie dramatischen Lebensgeschichten.

Als „Inklusion-, Resilienz- und Vielfaltsexpertin“ bezeichnet sich Wildberger selbst, denn sie möchte auch anderen Menschen helfen, sich ihren „Rissen“ zu stellen. „Man kann nicht gesund werden, wenn man so tut, als existierten die Risse nicht“, sagte sie auf der Berliner Bühne. Sie druckte den Satz auf das T-Shirt ihres Auftritts und auf ihre Visitenkarten. „Der Spruch ist kein echter Wildberger“, räumt sie im Gespräch mit dem „MM“ lachend ein. Doch die Worte, die sie so ähnlich in einem Roman gelesen habe, bringen es für sie auf den Punkt.

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