Eintracht Frankfurt

Fußball Eintracht Frankfurt geht als krasser Außenseiter ins Halbfinal-Rückspiel der Europa League beim FC Chelsea

Inspiration aus Anfield

London.Über die magische Nacht von Anfield staunten die Profis von Eintracht Frankfurt noch vor den heimischen Fernsehern. Erst am Mittwochmittag um 12.30 Uhr hob der Tross des hessischen Fußball-Bundesligisten mit Charter-Flug AXY 803A vom Frankfurter Airport Richtung London-Stansted ab. Das wundersame 4:0 des FC Liverpool im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Barcelona soll der Eintracht als Inspiration dafür dienen, dass im Sport manchmal selbst das scheinbar Unmögliche Realität werden kann. Wenn Jürgen Klopps Team gegen jede Logik dazu in der Lage ist, ein 0:3 aus dem Hinspiel gegen Lionel Messi & Co. in einen Triumph zu verwandeln, dann kann auch die Eintracht nach dem 1:1 vor einer Woche im eigenen Stadion am Donnerstagabend (21 Uhr/RTL) beim haushoch favorisierten FC Chelsea den Einzug ins Europa-League-Finale schaffen, oder?

„Können Geschichte schreiben“

„Ich habe mir das Spiel angeschaut, es hat mich gefesselt. Liverpool hat gezeigt, was es ausmachen kann, wenn man an etwas glaubt“, sagte Frankfurts Trainer Adi Hütter am Mittwochabend auf der Pressekonferenz in London. „Es hat immer wieder einmal Wunder gegeben, vielleicht gibt es morgen auch eines an der Stamford Bridge.“

Das hofft auch Torhüter Kevin Trapp. „Wir können Geschichte schreiben“, erklärte der Nationalkeeper vor dem wichtigsten internationalen Spiel der Frankfurter seit dem Uefa-Cup-Sieg 1980 im Finale gegen Borussia Mönchengladbach. Aber auch Faktoren wie Überzeugungskraft, Willen und Mentalität stoßen im Fußball irgendwann an ihre Grenzen und können gravierende qualitative Unterschiede nicht mehr nivellieren.

Die Eintracht, das hat spätestens das desaströse 1:6 am vergangenen Sonntag bei Bayer Leverkusen gezeigt, läuft auf der letzten Rille. 47 Pflichtspiele fordern ihren Tribut. „Wir haben versucht, die Klatsche so schnell wie möglich zu verarbeiten. Uns erwartet eine andere Aufgabe, es ist Europa-League-Time! So wollen wir uns auch präsentieren“, meinte Hütter.

Chelseas Trainer Maurizio Sarri wird im Rückspiel mit ziemlicher Sicherheit seine erste Kapelle aufspielen lassen – und die hört auf Namen wie Eden Hazard oder Pedro. Das ist das oberste Regal im Weltfußball, das sind Stars, die selbst den FC Bayern sofort verstärken würden. Wer auf die „Blues“ setzt, bekommt bei englischen Buchmachern für zehn Pfund lediglich 13,80 Euro zurück, für einen Sieg der Eintracht gibt es bei gleichem Einsatz satte 80 Pfund. Das zeigt die ungleichen Kräfteverhältnisse im Vorfeld des Alles-oder-nichts-Duells in der englischen Hauptstadt, zu dem nur 2300 Frankfurter über die offiziellen Verkaufswege Tickets bekommen haben. Lauter als der nicht gerade für seine Stimmung berühmte Chelsea-Anhang dürften die frenetischen Fans der Hessen dennoch sein.

„Wir hatten in der Europa League bisher nur Heimspiele“, hofft auf Mittelfeld-Mann Mijat Gacinovic, dass der Lautstärke-Vorteil die Eintracht beflügeln wird. Was macht sonst noch Hoffnung? Sebastian Rode, im defensiven Mittelfeld unverzichtbar, ist nach kurzer Auszeit wieder dabei. Auch Vizeweltmeister Ante Rebic stieg nach seiner Gelbsperre im Hinspiel in den Flieger nach London, genau wie Sebastien Haller, dessen Bauchmuskelprobleme nach dem Besuch bei einem Spezialisten abgeklungen sind. „Er ist ein Thema“, sagte Hütter.

Der Eintracht-Coach hat also wieder mehr personelle Alternativen, und er wird nach seinen missglückten Experimenten bei der jüngsten 1:6-Abreibung wieder auf das in dieser Saison erfolgreiche taktische Korsett setzen – also die bewährte 3-5-2-Anordnung.

Die Eintracht braucht beim Champions-League-Sieger von 2012 einen Sieg oder jedes Unentschieden ab 2:2. Trapp weiß um die Schwere der Aufgabe, glaubt aber auch an eine Chance: „Das ist schon der stärkste Gegner, den wir kriegen konnten. Aber mir fällt es schwer, zu sagen: Das schaffen wir nicht.“

Der letzte Satz klingt so ähnlich wie die Motivationsrede, die Jürgen Klopp gehalten hat, bevor sein Team dem FC Barcelona eine der schwersten Niederlagen seiner Geschichte zufügte. Vielleicht folgt auf die magische Nacht von Anfield ja eine weitere an der Stamford Bridge. Am Dienstagabend haben wir schließlich gelernt: Im Fußball ist nichts unmöglich.