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Ernährung Obwohl die Zahl der übergewichtigen Kinder steigt, bieten Restaurants ihren kleinen Gästen laut einer neuen Studie überwiegend Ungesundes an / Gastronomen weisen Kritik zurück

Pommes mit Ketchup – ausgewogen sieht anders aus

Archivartikel

Jungen und Mädchen haben in deutschen Gaststätten kaum gesunde Gerichte zur Auswahl. Das haben Wissenschaftler aus Mannheim in einer groß angelegten Studie zum Thema herausgefunden. Hier eine Übersicht über die Ergebnisse und was sie bedeuten. Von Madeleine Bierlein

Kernaussage der Studie

Das, was deutsche Restaurants Kindern vorsetzen, ist äußerst bedenklich – zumindest laut einer Studie des Instituts für Public Health (öffentliches Gesundheitswesen), Sozial- und Präventivmedizin in Mannheim. So seien 81 Prozent der untersuchten Gerichte „extrem ungesund“, wie Studienleiter Sven Schneider kritisiert. Auf Kindertellern liegt demnach zu oft rotes Fleisch, der größte Teil der Speisen enthält zu viele Kalorien, zu viele und noch dazu besonders ungesunde Fette, dafür aber zu wenige Nährstoffe.

Typische Kindergerichte

Deutsche Restaurants bieten der Untersuchung zufolge im Durchschnitt vier Kindergerichte an, der Preis liegt bei rund 5,50 Euro. Mehr als die Hälfte der untersuchten Speisen enthalten die aufgrund des Frittierens höchst bedenklichen Pommes frites. Das Angebot ist laut Studie eintönig. Sieben allesamt ungesunde Gerichte machen mehr als 80 Prozent der Kinderteller aus (siehe Grafik). Gemüsebeilagen, Rohkost und Obst hingegen sind die absolute Ausnahme.

Untersuchte Restaurants

Die Wissenschaftler haben die Speisekarten von 500 zufällig ausgewählten Restaurants in ganz Deutschland ausgewertet. Es handelte sich ausschließlich um inhabergeführte Gaststätten, nicht um große Ketten.

Bewertungsmethode

Ernährungswissenschaftler prüften für die Studie insgesamt 1877 Kinderteller nach wissenschaftlichen Kriterien. Zum einen wurden die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für Mittagessen an Schulen und Kitas angelegt. Dazu gehört zum Beispiel die Empfehlung, Kartoffeln nicht zu frittieren, immer eine Gemüsebeilage anzubieten und eher Geflügel als rotes Fleisch (Rind, Schwein) auf den Tisch zu bringen. Zum anderen wendeten die Wissenschaftler ein in Kanada und den USA übliches Punktesystem, den CMA-Score, an.

Ergebnisse

Ein Viertel der Gerichte erfüllt keinen einzigen der elf Qualitätsstandards der DGE, 38 Prozent erreichen nur einen. Mit Blick auf das CMA-Punktesystem wird in deutschen Restaurants sogar noch ungesündere Kost angeboten als in der US-Systemgastronomie, also bei McDonald’s, Wendy’s und Co. Auf einer Skala von -5 (ganz schlecht) bis +5 (hervorragend) erreichten die Fast-Food-Ketten Werte zwischen 1,1 und 1,6. Kinderteller auf deutschen Speisekarten kommen im Durchschnitt nur auf 0,7 Punkte.

Gastronomen üben Kritik

Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA), kann die Ergebnisse aus Mannheim nicht nachvollziehen. Neben den in der Studie genannten Klassikern wie Chicken-Nuggets, Nudeln mit Soße und Pommes frites sei es in vielen Restaurants möglich, dass Kinder von der regulären Karte halbe Portionen bestellen könnten. „Viele Betriebe bieten auch einen Räuberteller an“, sagt sie. Eltern können dann aus ihrer Bestellung eine Auswahl für die Kinder zusammenstellen.

Reaktion aus der Politik

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) hat per Nachrichtendienst Twitter sehr schnell auf die Studie reagiert. Sie kündigte an, Gespräche mit den Inhabern von Restaurants und Gaststätten zu führen.

Forderung der Kinderärzte

Aus Sicht der Mediziner sollte gesunde Ernährung unkomplizierter werden. „Lebensmittel mit weniger Zucker, Fett und Salz tragen entscheidend dazu bei, gesund zu bleiben“, betont Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Im Restaurant sollte daher „das gesündere Angebot auf der Kinderkarte erschwinglich und auch lecker sein“. Der Kinderarzt spricht sich generell für verpflichtende Regelungen in Sachen Ernährung aus, etwa für leicht verständliche Lebensmittelkennzeichnungen oder Auflagen für die Zusammensetzung von Produkten. „Das alles ist letztendlich auch Ausdruck von Respekt und Fürsorge für Kinder in unserer Gesellschaft“, argumentiert Rodeck.

Empfehlungen der Forscher

„Das gesündeste Gericht sollte optisch auf der Speisekarte hervorgehoben werden“, rät Experte Schneider interessierten Gastronomen. Was die Lebensmittel selbst angeht, empfehlen er und seine Kollegen mageres Muskelfleisch, nicht frittierte Kartoffelprodukte, Nudeln oder Reis – idealerweise als Vollkornvarianten. Außerdem sollte es für die Kinder immer auch eine Gemüsebeilage oder einen Salat geben. Als Nachtisch bietet sich ungezuckertes Obst an. Ein Kindergericht sollte außerdem automatisch ungezuckerte Getränke wie Wasser, Tee oder Milch beinhalten.

Übergewicht als Volkskrankheit

Die Autoren der Studie interessieren sich als Epidemiologen für Volkskrankheiten, in diesem Fall für die steigende Zahl von dicken Kindern. Mittlerweile gelten 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen als übergewichtig, 6,3 Prozent sogar als schwer übergewichtig (adipös). „Uns geht es nicht darum, Restaurants Vorschriften zu machen“, erklärt Schneider. Der Ansatz sei vielmehr, Lebensstilfaktoren zu identifizieren und zu beeinflussen, die das Risiko für Übergewicht erhöhten. „Wenn man davon ausgeht, dass am Tag etwa fünf Kindergerichte in 200 000 Restaurants in Deutschland bestellt werden, dann sind das eine Million Kindergerichte am Tag“, rechnet der Gesundheitsforscher vor. „Wenn nur zwei Prozent ein gesundes Angebot annehmen würden, dann hätten wir tatsächlich bereits einen Effekt.“

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