Essen und Trinken

Eistee wächst unter Pfälzer Sonne

Archivartikel

Zugegeben: Bislang bin ich A-Teeistin gewesen, habe eher einen Cappuccino als einen Darjeeling bestellt. Doch an diesem noch spätsommerlichen Morgen mache ich mich auf den Weg nach Ruppertsberg, wo ein junges Paar seit vier Jahren Teekräuter anbaut. Mitten in den besten Weinlagen der Pfalz. Womit wir schon beim dritten Getränk innerhalb weniger Textzeilen wären…

In der Küche von Jessica (33) und Christian Weiß (36) ist es noch angenehm kühl, und natürlich gibt’s zum Empfang gleich ein Glas Tee. Eine würzige Geheimmischung, die es so noch nicht zu kaufen gibt. Ein intensiver, erfrischender Nachgeschmack bleibt nach dem ersten Probieren. Lecker. Aber wie um alles in der Welt kommt man auf die Idee, Tee zu kultivieren, wo sonst fast ausschließlich Reben wachsen? Meine Frage überrascht nicht. Die zwei haben sie schon oft gehört, vor allem, als sie mit ihrem Projekt starteten.

Die Leipzigerin und der Kölner haben sich beim Studium in Geisenheim kennengelernt. Sie hatte Internationale Weinwirtschaft belegt, er Getränketechnologie. In ihrem neuen Freundeskreis an der Hochschule fanden sich schnell einige Pfälzer Winzer, durch die sie die Region kennenlernten. Hier wollten sich die beiden niederlassen und in die Landwirtschaft einsteigen. Am besten als Selbstständige. Doch ohne eigene Wingerte? Im Weinbau nur schwer möglich.

„Weil mich Kräuter und Aroma-Destillation schon lange interessierten, kamen wir auf die Idee mit dem Tee“, erzählt Christian Weiß. Der Sandsteinverwitterungsboden und die klimatischen Bedingungen am Haardtrand – mit viel Sonne und nicht zu viel Niederschlag – sind wie geschaffen dafür.

Hier gedeihen Griechischer Bergtee, Marokkanische Minze, Anisysop und Süßholz prächtig, zeigt mir der Produzent wenig später auf einem seiner Felder. Außerdem Thymian, den Spanier und Portugiesen gerne aufgießen, oder die Zitronenverbene, aus der der beliebteste Kräutertee der Franzosen gemacht wird.

Die Luft auf dem Acker duftet. „Hier haben wir mit einem Viertelhektar angefangen. Bis Ende des Jahres bewirtschaften wir sieben Hektar“, sagt der Startup-Unternehmer nicht ohne Stolz. Natürlich wurde die Sache zu Beginn neugierig beäugt. „Allerdings sind die Leute hier sehr offen. Sie fanden unsere Idee gut und so konnten wir bald mehr und mehr Land pachten.“

Zurück im alten Ruppertsberger Sandstein-Hof, wo sich die Produktionsstätte für den Tee befindet. Neben dem großen Eingangstor stehen Töpfe, in denen unter anderem Marzipansalbei, Schokominze und Oregano wachsen. „So können sich Teeliebhaber auf ihrem Balkon auch mal selbst im Anbau versuchen“, meint Christian Weiß augenzwinkernd.

Zum Kochen des Heißgetränks lassen sich dann frisch abgezupfte Blätter verwenden. Oder Blätter, die auf einem Tisch an einem warmen, luftig-schattigen Platz getrocknet worden sind.

Bei Familie Weiß funktioniert das Ganze natürlich technischer. In einer selbst gebauten Trockenmaschine werden die Kräuter haltbar gemacht, Stengel und Blätter im Anschluss in einem umfunktionierten Kartoffelsortierer getrennt. Letztere werden in einem weiteren Schritt zerkleinert.

Schließlich geht’s ans Mischen der Teekreationen. Besonders mögen die Wahl-Pfälzer derzeit ihre Eistee-Kreation. Der Name Mentha Basil Smash verrät schon, welche Kräuter hineinkommen – Minze und Basilikum. Anderen Teemischungen werden eigens angebaute Blüten als Farbakzente zugesetzt – schwarze Malve, blaue Kornblume oder die tiefrote Tiamo-Rose.

Viele Blumen am Wegesrand begleiten mich auch auf meiner Heimfahrt. Zu Hause angekommen setze ich einen Eistee an. Ob ich nun zur Teeistin werde? Naja, Weltanschauungen können sich bekanntlich ändern. Geschmäcker auch…