Essen und Trinken

Von einem Birnbaum, der verrückt geworden ist

Archivartikel

Ihr kennt das vielleicht. Immer spielt zu Hause jemand verrückt. Diesmal ist es bei uns: der Birnbaum. Statt langsam seine Blätter zu verfärben, hat er sich in diesem Herbst am obersten Ast noch mal drei weiße Blüten zugelegt. Und diese haben sich im Nu in kleine Früchte verwandelt.

„Dieses Phänomen kommt öfter vor, ist aber nicht ganz leicht zu erklären“, sagt Gärtnermeisterin Ina Christ, der ich auf dem Gelände der Baumschule Huben in Ladenburg von unserem durchgedrehten Baum erzähle. Ein Grund für sein Verhalten könnte etwa das extreme Wetter sein, das in jüngster Zeit so mancher Pflanze zugesetzt hat.

„Jedenfalls sollte man die Blüte, beziehungsweise die Früchte in solchen Fällen schnellstmöglich abschneiden, weil der Baum sonst unnötig Energie in Birnen investiert, die ja eh nicht mehr reifen. Und die Kraft braucht er schließlich für den Winter“, erklärt die Fachfrau pragmatisch.

Ina Christ scheint nichts aus der Ruhe zu bringen. Denn während sie mit mir spricht, kommen etliche Kunden mit weiteren Fragen. „Seit der Trend zum Bio-Obst geht, sind Obstbäume für den eigenen Garten total gefragt“, berichtet die Expertin. Kein Wunder. Ich finde auch, dass Aprikosen, Mirabellen oder eben Birnen großartig schmecken, wenn man sie selbst hat reifen sehen und mit eigenen Händen gepflückt hat.

Damit möglichst viele Zeitgenossen in den Genuss von eigenen Früchten kommen, hat sich in Sachen Züchtung in den vergangenen Jahren einiges getan. Selbst Balkons können inzwischen zu kleinen Plantagen werden. Mit sogenanntem Zwergobst.

„Das sind Bäume, die auf einer schwachen Wurzel veredelt wurden“, erklärt Ina Christ. Sie werden nur bis zu 1,50 Meter hoch und auch nicht jede Frucht erreicht eine enorme Größe. „Dennoch sind beispielsweise Nektarinen wie von dem Exemplar da drüben als kleiner Snack für zwischendurch ganz nett“, meint die Baumschulmeisterin und lacht.

Gerade was den Geschmack angeht, habe sich auch beim Säulenobst viel getan. „Zu Anfang waren die Äpfel von solch schlanken Bäumchen nur mit einer Menge Zucker genießbar“, sagt die Ladenburger Fachfrau nur halb im Spaß. Säulenobst lässt sich wie Zwergobst ebenfalls im großen Kübel kultivieren. Allerdings können diese Bäume durchaus bis zu einem Meter breit und an die drei Meter hoch werden.

Menschen mit eigenem Garten rät Ina Christ nicht nur deshalb gerne zu größeren Obstbaumsorten. „Der Platz unter einem Halb- oder Hochstamm lässt sich doch prima nutzen. Für ein Staudenbeet beispielsweise oder einen Sandkasten. Für eine kleine Bank, eine Hängematte oder eine Picknick-Decke. Und angenehmen Schatten gibt es dort allemal.“

Der Herbst ist die beste Zeit, um einen Obstbaum in den Garten zu pflanzen. Weil es in den kommenden Monaten mehr regnet als im Frühjahr und Sommer. So kann der Baum gut anwachsen.

Bevor es kalt wird, müssen wir uns derweil um unseren durchgeknallten Birnbaum kümmern. Denn über den Sommer hat er – wohl wegen der Hitze – auch Risse im Stamm bekommen.

Um den Baum nicht weiter zu schwächen, sollte sein Stamm nun entweder mit Kalkfarbe gestrichen oder mit einer Schilfrohr-Matte umhüllt werden. „Oder aber ihr häkelt einen Schutz aus Wolle, so wie es vor ein paar Jahren bei Straßenlaternen modern war. Auch das kann ihn vor zu starken Temperaturschwankungen und Frost bewahren“, sagt Ina Christ. Ich allerdings bin kein Freund von Häkelnadeln. Aber was zieht man nicht alles in Erwägung – für einen verrückt gewordenen, aber dennoch liebgewonnenen Birnbaum.