Familie und Erziehung

Ehe Partnerschaft steht nach Auszug der Kinder oft auf dem Prüfstand / Emotionale und bürokratische Herausforderung

Ende oder Neuanfang: Trennung im Alter

Archivartikel

Coburg/München.Die Kinder sind aus dem Haus, das Karriereziel fast erreicht – was kommt jetzt? Hans Berwanger ist Familien- und Ehetherapeut. Er kennt die Fragen, die sich viele Menschen in dieser Situation stellen. „Die gemeinsame Ehe steht mit dem Auszug der Kinder plötzlich auf dem Prüfstand. Das Ende der aktiven Elternschaft geht schnell einher mit innerer Distanz.“

Männer und Frauen trennen sich gerade im Alter anders, glaubt Berwanger: Männer entdecken sexuelle Mankos in der Beziehung. Bei Frauen sind es eher emotionale Lücken. „Ist das innere Beziehungskonto abgeräumt, kommt oft die Frage: Wozu jetzt noch weitermachen?“

Gerade bei langjährigen Ehen ist eine Trennung aber oft gar nicht so leicht – schon aus finanziellen Gründen. Viele religiöse und gesellschaftliche Tabus gebe es heute zwar nicht mehr, sagt Psychotherapeut Klemens Funk. Doch auch heute noch halten viele Frauen eine Ehe aufrecht, die sie belastet – aus wirtschaftlichen Gründen. Allerdings, so Funks Beobachtung, werden Frauen mutiger. Viele orientieren sich ab 50 beruflich um. Das eröffnet neue Perspektiven, auch ohne Mann.

Rente bewusst gestalten

Als die Scheidungsanwältin Renate Maltry vor 35 Jahren ihre Anwaltskanzlei in München eröffnete, waren Scheidungen mit über 60 noch gar kein Thema. Das sieht heute ganz anders aus. „Heute sehen die Menschen damit den Beginn eines neuen Lebensabschnittes, den sie ganz bewusst gestalten wollen.“

Oft kommt erst in der Rente die Frage auf, wie der letzte Lebensweg gestaltet werden soll – mit oft sehr unterschiedlichen Vorstellungen. Höhere Lebenserwartung, veränderte Familienstrukturen und der Wertewandel verdrängen die Ehe aus Gewohnheit.

Mit dem Ende des Berufslebens, entsteht oft ein Vakuum an sozialer Anerkennung und Kontakten. Vieles, was im Laufe der Beziehung gefehlt hat, fällt dann plötzlich stärker ins Gewicht. Wenn sich das nicht klären lässt oder es in einen Dauerkonflikt übergeht, dann ist die Paarbeziehung nicht mehr sinnvoll, so Funk. „Wenn die emotionale Intimität fehlt, dann wird es gefährlich“, so Berwanger. Vertrautheit und auch der Austausch von unangenehmen Emotionen gehören zu einer funktionierenden Partnerschaft dazu.

Doch eine Scheidung bleibt eine emotionale und bürokratische Herausforderung. Selbst Scheidungsanwältin Maltry hält es daher für sinnvoll, an einer Ehe zu arbeiten. „Heute wird manchmal zu schnell alles weggeworfen. Es lohnt sich, um eine einst gute Partnerschaft zu kämpfen.“