Familie und Erziehung

Erziehung Schneepflugeltern schieben für Nachwuchs alles beiseite / Experten sehen überbehütendes Verhalten kritisch

Kinder wachsen an Aufgaben

Archivartikel

Soest/Fürth.Hindernisse sind da, um aus dem Weg geräumt zu werden. Manchmal nehmen Eltern diesen Spruch aber allzu wörtlich. Das Anziehen geht nicht? Die Hausaufgaben sind zu schwierig? Streit mit dem Kitakumpel? Ich regle das. Es gibt auch einen Begriff dafür: Schneepflugeltern. Denn sie schieben für ihr Kind alles beiseite.

Fachleute sehen dieses überbehütende Erziehungsverhalten kritisch. Denn auch wenn Vater oder Mutter es damit nur gut meinen: Sie schwächen auf längere Zeit gesehen das Selbstvertrauen ihres Nachwuchses und nehmen ihm Entwicklungschancen. Die Kinder trauen sich weniger zu. Denn der Spruch „Aus Fehlern lernt man“ stimmt.

Herausforderungen meistern

Vermutlich haben die meisten Eltern schon einmal den inneren Schneepflug angeschmissen. „Ich bin selbst Vater und ertappe mich hin und wieder dabei, eine Aufgabe selbst zu machen, statt ewig darauf zu warten, dass es das Kind schafft“, gibt auch Ralph Schliewenz zu. Als auf Kinder und Jugendliche spezialisierter Psychotherapeut weiß er aber auch: Einen Gefallen tue man seinem Kind damit nicht.

Klar lehnt sich manches Kind zurück und fühlt sich sicher, wenn alle Herausforderungen von den Eltern gemeistert werden. „Am Ende hat das Kind aber in seiner Entwicklung nichts davon“, sagt Schliewenz. Es wird damit nicht zum Problemlöser – und das ist ein großes Problem.

Denn das Leben ist gespickt mit Herausforderungen. Wer es schafft, sie anzugehen, wird stolz darauf sein und Glück oder Zufriedenheit empfinden, so Psychotherapeut Schliewenz. Bleibt das aus, wird das Kind im Laufe der Zeit ängstlicher, unzufriedener und wird Probleme immer seltener allein bewältigen wollen.

Dabei steckt es in Kindern drin, Dinge selbst machen zu wollen. Im Kindergartenalter muss man sie oft regelrecht bremsen. Dabei ist das richtige Maß gefragt. Wer den Eigenantrieb ständig ausbremst, sorgt am Ende dafür, dass der Nachwuchs unselbstständiger wird. „Wird das Kind immer wieder daran gehindert, sich selbst die Schuhe zu binden, wird es das irgendwann nicht mehr selbst machen wollen“, sagt Schliewenz.

Eltern können kaum früh genug anfangen, ihre Kinder selbst machen zu lassen. Der Nachwuchs könnte etwa beim Kochen helfen, sagt Ulric Ritzer-Sachs von der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Die Aufgaben müssen natürlich dem Alter angemessen sein. „Ein dreijähriges Kind sollte man sicher noch nicht mit einem scharfen Messer schneiden lassen, ein fünfjähriges Kind schon eher.“

Dem Kind vertrauen

Der Fachmann ermutigt Eltern, auf den eigenen Bauch zu hören und ihren Einschätzungen über die Fähigkeiten des Kindes zu vertrauen. Sie sollten aber in Ruhe erklären, wie das etwa mit dem Schneiden richtig geht. Nur zu sagen: „Schneide dir nicht in die Finger“, ist keine Hilfe.

Das Kind beteiligen und selbst Dinge machen zu lassen, zieht sich durch die gesamte Entwicklung, betont Ritzer-Sachs. Eltern sollten also in jeder Phase des Heranwachsens schauen, was das Kind schon selbst machen kann – und was nicht.

Das Risiko sehr unselbstständig zu werden oder sogar eine Störung zu entwickeln, sei bei Kindern von überbehütenden Eltern größer, so Ritzer-Sachs. Er berichtet aus seiner Beratungspraxis, dass er schon 18-Jährige erlebt habe, die sich nicht die Schuhe binden können. Oder 20-Jährige, die Angst vor dem Einkaufen haben. Wobei es neben dem Erziehungsstil auch andere Faktoren gebe, die dies beeinflussen.

Was können Eltern tun, damit sie nicht in die Schneepflugfalle geraten? Aufmerksam sein, mit anderen reden und sich selbst reflektieren, lautet die kurze Antwort. „Es hilft, mit Freunden zu reden und sich ein Feedback geben zu lassen“, erläutert Ritzer-Sachs.

Letztlich sollten Eltern auch in sich hineinhören. Denn in erster Linie sei das Schneepflugverhalten reine Bequemlichkeit, sagt Psychotherapeut Ralph Schliewenz. Irgendwann aber werde es Vätern und Müttern damit nicht mehr gut gehen. Etwa, wenn sie immer sagen müssen: „Ich räume dir nicht alles hinterher.“ Dann sollten sie sich fragen, ob sie nicht selbst dazu beigetragen haben, dass die Situation jetzt so ist. Etwa, weil sie ihrem Kind das Spielzeug bisher immer hinterher geräumt haben – weil es eben schneller ging. dpa