Feudenheim

Feudenheim Dunja Schandin zeigt im Kulturtreff ihre Arbeiten aus fragilem Material / Auch bei der Langen Nacht der Kunst und Genüsse am Samstag zu besichtigen

Kunstwerke aus der Papierwunderkammer

Die zur Ausstellung weisenden Plakate zeigen den Postmann Joseph Roulin, den Vincent van Gogh 1888 malte, weil ihn dessen markantes Gesicht an Sokrates erinnerte. Ein van Gogh in der Galerie des Kulturtreffs? Dunja Schandin macht es möglich, ebenso wie sie Rembrandts Mann mit dem Goldhelm oder Egon Schieles Porträt seiner Frau Edith festgehalten hat – nicht als freikünstlerische Kopie eines Gemäldes, sondern als eine aus Papier modellierte Nachempfindung einer berühmten Szene aus der Kunstgeschichte.

Dreidimensionale Gemälde

Als „Papierwunderkammer“ bezeichnet die seit 1967 in Feudenheim lebende Künstlerin ihre Werke, die noch bis zum 18. November in der Hauptstraße 52 a (im Anbau des alten Rathauses) zu sehen sind. Und in der Tat ist es nicht nur eine große Wunderkammer, sondern es sind rund 20 kleine in einen Rahmen gesetzte Kammern, die einen dreidimensionalen Einblick in berühmte Gemälde geben. Da findet man das Porträt der Mrs. Hugh Hammerly, mit dem John Singer Sargent sein unerschöpfliches Archiv an Porträtmalerei vervollkommnete; da fällt auch die wohl berühmteste Darstellung von den Ereignissen der französischen Revolution ins Auge – der Tod des Marat, den Jacques-Louis David 1793 festhielt.

Dunja Schandin schafft es in ihren Werken, Szenen der Kunstgeschichte lebendig zu machen. Und all das en miniature. Schon früh war sie vom Modellieren begeistert, ob es in Ton, Holz oder Metall war. Doch all das brauchte eine Werkstatt und Werkzeug, die sie nicht aufbringen konnte. Dann stieß sie auf Niki de Saint-Phalle, ließ sich von ihren farbenfrohen aus Papier geformten Nana-Figuren inspirieren. Doch diese lebensgroßen Körper nahmen Platz ein, den Dunja Schandin nicht hatte. Auch störte sie das Arbeiten mit haltendem Drahtgeflecht, so dass sie ausprobierte, wie groß ihre Modellierungen sein mussten, um ohne Draht Stabilität zu erlangen.

Heute bestimmen rund 30 Zentimeter große Figuren ihre „Kammern“, die vor imaginärem oder überliefertem Hintergrund hervortreten. Zum zweiten Mal ist Dunja Schandin mit einer Ausstellung im Kulturtreff vertreten. Was 2015 ihr Kuriosenkabinett mit modellierten Stars aus der Filmgeschichte war, vervollkommnet sich in dieser Ausstellung mit einem enormen Wissen um die Malerei. Dazu präsentiert sie erstmals ihre handbetriebenen Automaten.

Seit zwei Jahren setzt die ausgebildete technische Zeichnerin im Maschinenbau ihre Begeisterung für bewegte Figuren um, konstruiert kleine Welten, die mittels einer Handkurbel lebendig werden. Während sie ihre Kunstwerke-Nachempfindungen sehr ernst nimmt und keineswegs karikaturartig behandelt, weisen ihre Automaten einen köstlichen Humor auf. Durch einfache Drehung fängt eine Tänzerin an zu tanzen; eine Muse auf dem Canape wippt verführerisch mit den Beinen, ein Strauß oder ein Kolibri werden mit charakteristischen Bewegungen lebendig.

Alle Werke sind äußerst fragil und sollten möglichst nicht berührt werden. Vor allem aber bittet die Künstlerin, die Kurbel der reizvollen Automaten nicht zu betätigen. Um deren Lebendigkeit deutlich zu machen, hat sie Videoclips von allen gemacht, die hier an die Wand projiziert werden, zusammen mit einem Video, in dem ihre Arbeitsweise deutlich wird,

Die Ausstellung ist noch bis zum 18. November sonntags von 11 bis 13 Uhr geöffnet oder nach Absprache unter Telefon 01520/8746640. Auch am Samstag, 3. November, ist Dunja Schandins Papierwunderkammer ab 18 Uhr zu besichtigen. cha