Feudenheim

Feudenheim Maritimer Abend im Loppis mit Michael Timmermann

Lyriker, der gerne zur See gefahren wäre

Das Loppis in der Ziethenstraße war mit maritimen Details dekoriert worden, so dass die Besucher fast den Eindruck bekommen konnten, an Deck eines Schiffes zu sein. "Willkommen auf der MS Joachim", begrüßte Rahel Mangold von den Feudenheimer Kulturevents die Gäste. Joachim Kalusche, der Besitzer des Loppis, trägt denselben Vornamen wie der Dichter, um den es an diesem Abend ging. Auch hat er in diesem Jahr seinen Bootsführerschein gemacht. Die Texte von Joachim Ringelnatz (1883-1934) las der Schauspieler Michael Timmermann, von 1963 bis 1999 am Nationaltheater engagiert.

Und damit auch stimmungsmäßig alles passte, begleitete Christian Oberauer vom Harmonika-Club Feudenheim die Texte musikalisch auf dem Schifferklavier mit Liedern wie "La Paloma" oder "La Mer". "Humor ist der Knopf, der verhindert, dass einem der Kragen platzt", diesen Aphorismus von Ringelnatz schickte Timmermann dem Programm voraus. Denkt man an den Dichter, verbindet man ihn sofort mit Seefahrt und Hafenstädten, doch geboren wurde er 1883 als Hans Gustav Bötticher in der Nähe von Leipzig.

Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Seemann zu werden, und heuerte 1901 auf einem Segelschiff an. Die Zeit auf hoher See prägte seinen Erfahrungsschatz, der hauptsächlich aus Seemannsgarn bestand. Teilweise waren sie lustig, die Texte und Gedichte, die Timmermann in Seebären-Manier rezitierte, wie etwa die Geschichten vom knorrigen Matrosen Kuttel Daddeldu, aber auch schwarzer Humor war wiederzufinden, zum Beispiel in "Seemanns Gedanken übers Ersaufen".

Verbot durch die Nazis

Im zweiten Teil des Programms stand die Zeit in München im Vordergrund, dort trat Ringelnatz ab 1909 als Kabarettist in der renommierten Künstlerkneipe Simplicissimus auf, wo er bald Hausautor wurde. Natürlich zieht er in seinen Gedichten die resolute und geschäftstüchtige Wirtin Kathi Kobus durch den Kakao. Trotz seines Erfolges und seiner Bekanntheit wurde er ständig von Geldnöten geplagt. Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, erhielt er Auftrittsverbot, bereits ein Jahr später starb er verarmt an Tuberkulose.

Michael Timmermann gab dem Publikum folgende Worte des Dichters mit: "Nun wollen wir alle einen trinken und uns nicht so ernst nehmen." Der Ringelnatz-Abend war für Kulturevents ein Erfolg. "Über 50 Leute waren im Loppis, das hatten wir noch nie", freute sich Rahel Mangold. Zwei Jahre gibt es die Feudenheimer Kulturevents schon, ein Vollzeit-Job für die Organisatorin. kge