Formel 1

Porträt Mit dem zweiten Platz in Austin macht der britische Mercedes-Pilot vorzeitig seinen sechsten WM-Titel perfekt / Valtteri Bottas holt sich den USA-Sieg, Sebastian Vettel scheidet früh aus

Die Formel 1 verneigt sich vor Hamilton

Austin.Lewis Hamilton weiß noch genau, wie das damals war. Seine Mutter hatte extra gespart, um ihm im Alter von 17 Jahren die Reise nach New York City zu ermöglichen. „Ganz besonders“ sei das gewesen, als er erstmals an seinen großen Sehnsuchtsort reiste. 17 Jahre später hat sich im Leben des Rekordjägers vieles geändert. In New York hat er längst sein eigenes Penthouse, sein Nachbar ist Tom Brady, einer der größten Football-Helden der USA. Möglich wurde das alles dank seiner ganz besondere Karriere: Titel sammeln, Bestmarken brechen, die Formel 1 beherrschen – es ist das Leben des Superstars.

„Ich glaube das nicht“

Auserzählt ist die Erfolgsstory des Mercedes-Fahrers aber noch lange nicht, daran ändert auch sein sechster WM-Triumph ausgerechnet in den USA nichts. Die WM-Krone sicherte sich Hamilton am Sonntag durch einen zweiten Platz hinter Teamkollege Valtteri Bottas. „Ich glaube das nicht“, sagte Hamilton kurz nach der Zieldurchfahrt am Boxenfunk.

Hamilton ist das Gesicht der Königsklasse des Motorsports. Im Silberpfeil ist der 34-Jährige zum prägenden Piloten seiner Generation geworden, vor dem auch die größten Bestmarken des siebenmaligen Champions Michael Schumacher nicht sicher sind.

„Man darf nicht vergessen, welche Leistung dahinter steckt, sowohl von seiner Seite als auch von Mercedes“, sagte Sebastian Vettel, der in Austin mit einem Schaden an der Radaufhängung früh ausschied. „Er ist ein großartiger Fahrer, der auch persönlich die Geschichtsbücher des Sports umschreibt“, sagte Formel-1-Sportchef Ross Brawn.

Doch Hamilton ist viel mehr als ein grandioser Steuerkünstler. Zuletzt in Mexiko plauderte er seine Schauspiel-Ambitionen aus. Auch das passt ins Bild vom rastlosen Glücksjäger, der abseits der Rennstrecke unablässig nach Erfüllung strebt. Sein Freundeskreis reicht von Neymar über Serena Williams bis hin zu Justin Bieber.

Der überzeugte Veganer Hamilton hat sich ein eigenes Musikstudio eingerichtet. Hamilton entwirft Mode-Kollektionen. Und Hamilton, dessen jüngerer Bruder trotz Kinderlähmung Rennfahrer geworden ist, engagiert sich mit Überzeugung für behinderte und benachteiligte Kinder. Ein Leben in Beschleunigung, ein Leben aber auch für andere.

Auf dem harten Weg

Dafür muss Hamilton bisweilen den harten Weg gehen. Als junger Kartpilot sei der Sohn eines Einwanderers aus Grenada rassistisch attackiert worden, erzählte Mercedes-Teamchef Toto Wolff. „Wenn das einem Acht- oder Zehnjährigen passiert, hinterlässt das Narben, die einfach nicht verschwinden“, sagte der Österreicher. Noch immer ist Hamilton der einzige schwarze Rennfahrer der Formel 1.

Die Trennung der Eltern, das Zerwürfnis mit seinem ersten Teamchef Ron Dennis bei McLaren, die zerbrochene Liebschaft mit Popsternchen Nicole Scherzinger – Hamilton kennt auch die dunklen Stunden. Und er gewährt der Öffentlichkeit bisweilen tiefe Einblicke in seine Seele. Wie zuletzt, als er seine 13 Millionen Follower bei Instagram über seine Verzweiflung über Umweltsünden und das Versagen der Weltpolitik informierte. „Es passiert gerade so viel in meinem Leben, und es ist nicht immer einfach, positiv zu bleiben“, bekannte Hamilton.

Jedes dritte Rennen seiner Formel-1-Karriere hat Hamilton gewonnen, die meisten Pole Positions erobert und auch Schumachers Rekord von 91 Grand-Prix-Siegen fest im Blick. Angesichts der ungebrochenen Stärke von Mercedes winkt 2020 Titel Nummer sieben. Und dann? Hamiltons Vertrag läuft Ende des nächsten Jahres aus. Eine Regelreform könnte das Kräfteverhältnis in der Formel 1 ändern – doch genau das will er verhindern und selbst dabei helfen. „Ich will ein Pionier in dieser neuen Ära sein“, sagte er in Texas. Das Ende scheint noch lange nicht gekommen, stattdessen will er immer mehr: „Ich genieße, was ich mache. Ich habe den Gipfel noch nicht erreicht.“