Formel 1

Ein Kolosseum legendärer Renngeschichte

Archivartikel

Wer über die packenden Streckenschlachten sinnieren will, die sich bei Generationen von Formel 1-Fans tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, findet am Hockenheimring ein Eldorado der Erinnerungen vor. Denn 1932 eröffnet, dauerte es zwar knappe vier Jahrzehnte, bis die Königsklasse des Motorsports ihre Zelte im deutschen Südwesten aufschlug – doch als es 1970 endlich soweit war, verfolgten zehntausende Fans Siege von triumphalem Charakter.

Bereits beim ersten Rennen am Ring lieferten sich Lotus-Pilot Jochen Rindt und sein Ferrari-Kontrahent Jacky Ickx – damals noch auf der langen Strecke durch den Wald – ein erbittertes Duell, das Runde um Runde an Schärfe gewann. Als Rindt den Scuderia-Piloten zwei Runden vor Schluss schließlich doch noch distanzieren konnte, hatte das Publikum längst einen grandiosen Kampf zwischen zwei Rivalen auf Augenhöhe erlebt, über den selbst Ickx einige Jahre später noch sagte: „Wenn man im Motorsport zu einfach gewinnt, ohne Kampf, dann ist das ein Sieg ohne Ruhm.“

Legendäre Triumphe formen Geschichte

Es ist genau dieser Wert des Ruhms, der die Rennen in Hockenheim stets mit dem Charme des Besonderen auszeichnete. Ob Niki Lauda nach seinem Feuer-Crash 1977 mit einem legendären Fight gegen Hans-Joachim Stuck die Mär des Nürburgrings vergessen machte, Michael Schumacher 2006 seinen 70. Sieg im Ferrari auf Hockenheimer Boden feierte, oder Sebastian Vettel 2013 seinen ersten und einzigen Heimsieg markierte: Diese 4,574 Kilometer galten als Meistermacher. Wer hier gewann, hatte das Zeug zum Champion.

Zum einen wegen der Beschaffenheit der Strecke, die den Piloten zwischen Spitzkehre und Sachs-Kurve fahrerisch von Höchstgeschwindigkeit bis zur Haarnadel-Schikane mit 60 Stundenkilometer alles abverlangt. Zum anderen aber auch, weil auf keiner Strecke im Rennzirkus mehr überholt wird, das Wetter die gefassten Pläne der Teams unberechenbarer durchkreuzt, oder Siege wichtiger sind. Der Große Preis von Deutschland lager daher bewusst nie am Anfang und nie am Ende der Saison-Planungen: In Hockenheim werden Weichen gestellt. Hier brennt der Asphalt. Hier kristallieren sich Ansprüche auf die Meisterschaftswertungen zu klaren Aussichten. Hier sind die Massen zu Gast in einem Kolosseum legendärer Renngeschichte.

Ein historischer Kult flammt neu auf

Bei hochsommerlichem Wetter scheint genau dieser Legendenstatus wieder präsenter als vielleicht jemals zuvor. Dass allein 15.000 Camper bei Temperaturen weit jenseits der 30 Grad bereits am Freitag ihre Zelten aufgeschlagen haben, ist ein Symptom . Dass neben den Sieges-Avancen von Sebastian Vettel erstmals seit Jahren an die große Tradition erinnert wird, spricht da schon eine ganz andere Sprache. Denn wenn Mick Schumacher am Samstag im Sieger-Ferrari seines Vaters von 2004 seine Runden am Ring dreht, mag das für viele ein Zeichen für den Beginn einer neuen, jungen Karriere in Weiß, Gelb und Rot sein – doch vor allem ist es die Würdigung historischer Leistungen, die für immer mit diesem Asphalt verbunden bleiben werden.

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