Formel 1

Nach dem Ende, vor dem Aus? Zur Zukunft des Deutschland-Grand-Prix

Archivartikel

Die Mannheimerin Sarah Groh weiß nicht mehr genau, wann ihre Leidenschaft für die Formel 1 entbrannte – sie weiß nur, dass es eine lodernde Liebe war, die der Motorsport der Superlative in ihr auslöste. „Bei uns Zuhause wurde jedes Freie Training und jede Hintergrund-Reportage geschaut – die Formel 1 war Pflicht.“ Seit den 90er Jahren verfolgt die junge Frau aus der Quadratestadt die Königsklasse vor dem Fernsehgerät und sympathisiert dabei anfangs oft sogar mehr mit dem Silberpfeil-Piloten Mika Häkkinen als mit der deutschen Renn-Ikone Michael Schumacher. Was die allgemeine Leidenschaft zur höchsten motorisierten Rennserie jedoch so gar nicht schmälert: „Das ist für mich eine eigene Welt. Diese hautengen Duelle, die knisternde Spannung, so etwas gibt es nur bei der Formel 1. Das ist Gänsehaut pur!“

Zwischen Tradition und Kulisse

Es sind Einschätzungen, die auch Kult-Figuren der Szene ebenso einhellig wie bereitwillig teilen. Wer sich im Fahrerlager in Hockenheim umhört, hört – vor allem über den deutschen Rundkurs – meist nur Gutes. Ob der heutige Rennexperte David Coulthard „die Herausforderungen dieses außergewöhnlichen Kurses“ hervorhebt, Ralf Schumacher an „legendäre Heimsiege“ von deutschen Rennstars erinnert oder Timo Glock die „Wahnsinns-Kulisse“ des international durchmischten Zuschauerfeldes hervorhebt – es gibt in der Riege internationaler Meinungsträger kaum einen, dem es schwerfiele, die Klasse dieses Rennkurses mit großem Worten zu rühmen. Und damit - mal mehr, mal weniger offensiv - für ein deutsches Rennen zu plädieren.

Zumal an einem Rennwochenende der Extreme kaum etwas dieser Attribute ernsthaft überzeichnet erscheint. Da mögen Hitze und Regen, Vettels Flop-Momente und Top-Platzierungen die Fans noch so sehr auf die Probe stellen: Am Ende zelebrieren über das Wochenende verteilt 141.000 Fans ein episch zelebriertes Motorsportfest, das Maßstäbe setzt.

Der Kampf heißt: Klasse gegen Kasse

Es sind dies Zeichen, die Vertreter von Formel 1 und Hockenheimring gleichermaßen beeindrucken sollten. Denn wenngleich an der Traditionsrennstrecke oft und gerne von gesunkenem Zuschauerinteresse gesprochen wird: Dass allein an einem tief regnerischen Rennsonntag trotz des misslungenen Qualifyings von Sebastian Vettel 61.000 Gäste den Weg an den Ring finden, um am Ende eines wilden Regen-Rennens einen furiosen zweiten Platz zu bejubeln, spricht für die Popularität der Marke Formel 1 an sich. Da mag sich das Leben im Fahrerlager noch so sehr zu einer Parallelwelt der Exklusivität verwandelt haben: Sarah Groh, ihr Mann Stephan und Tausende mehr sind ein lebendiges Beispiel dafür, dass der erlebte Kult trotz allem trägt. An diesem Wochenende und seit 2012 in Hockenheim auf den Kunststoffsitzen der Südtribüne an Start und Ziel, im ganzen Rest der Welt vor den Fernsehschirmen auf dem heimischen Sofa.

Aus Konfigurationen wie diesen ergeben sich Werte, die im persönlichen Gespräch erstaunlicherweise niemand bezweifelt. Bereits am Freitag hatte Mercedes-Pilot Lewis Hamilton dieser Zeitung gesagt, es wäre „eine Schande“ auf den Deutschland-Grand Prix verzichten zu müssen, am Sonntag erklärt selbst FIA-Präsident Jean Todt dem „MM“ in der Boxengasse auf Anfrage: „Das Land der Autoerfinder sollte sein Rennen haben – wenn es sich das leisten kann.“

"Verlust für die ganze Formel 1"

Was am späten Sonntag tatsächlich das entscheidende Thema zu sein scheint. Denn ob das Ende dieses Rennens auch das Aus den Großen Preises für das Jahr 2020 markiert, ist noch immer unklar. Von bis zu 25 Millionen Euro Antrittsprämie für den Hockenheimring ist bisweilen die Rede. Dass die Stadt Hockenheim sich für die Königsklasse nicht verschulden will, scheint dabei ebenso plausibel wie das Gewinninteresse von Formel 1-Eigner Liberty Media. Das Tauziehen zwischen Klasse und Kasse ist klar umrissen. Ob sich beide nach dem diesjährigen Patronat von Mercedes für die kommende Saison noch einig werden, steht bislang in den Sternen.

Nur Sarah Groh ist sich mit tausenden Fans schon heute gewiss: „Der Verlust des Hockenheimrings im Rennkalender wäre einer für die gesamte Formel 1!“ Was im grauen Nachmittagshimmel zahllose Anhänger unterschreiben, die nur eines nicht wollen: Dass die Ehrenrunden, die Mick Schumacher mit dem alten Siegerfahrzeug seines Vaters dreht, auf die letzten deutschen Triumphe auf bundesrepublikanischem Boden hinweisen.

Zum Thema