Formel 1

Formel 1 Sebastian Vettel moniert fehlende Harmonie in seiner Begründung zum Ende des Ferrari-Engagements / McLaren oder Mercedes als mögliche Kandidaten

Traumehe endet im Scherbenhaufen

Archivartikel

Maranello.Aus der großen Liebe war schon seit längerem eine Zweckehe geworden, dennoch hat Sebastian Vettel mit seiner Stellungnahme zur Trennung von Ferrari zum Jahresende viele überrascht. Dabei hatte Vettel schon als kleiner Junge davon geträumt, wie Kumpel Michael Schumacher in dem roten Auto zu fahren. Die „unglaubliche Ehre“ wurde nicht wie zu Zeiten des Rekordchampions zur unglaublichen Titelserie.

„Um die bestmöglichen Ergebnisse in diesem Sport zu erzielen, ist es für alle Beteiligten wichtig, in perfekter Harmonie zu arbeiten“, erklärte Vettel. Wie sehr die Fronten verhärtet sind, belegt ein Statement von Teamchef Mattia Binotto aus der Ferrari-Mitteilung: Es sei die beste Entscheidung für beide Seiten.

Als Nachfolger für Vettel wird bereits der spanische McLaren-Pilot Carlos Sainz gehandelt, der Vertrag des 25-Jährigen läuft ebenfalls Ende des Jahres aus. Zu Spekulationen über eine Vettel-Verpflichtung wollte sich McLaren nicht äußern – Teamchef Andreas Seidl und Vettel schätzen sich seit der gemeinsamen Zeit bei BMW-Sauber. Vettel hatte 2007 in den USA sein Formel-1-Debüt im BMW gefeiert. Die Bayern hatten dem Heppenheimer bereits davor mit der Nachwuchsserie Formel BMW den Weg in den Motorsport geebnet.

Dafür zündelte der Teamchef des deutschen Werksrennstalls Mercedes ein wenig. „Sebastian ist ein großartiger Fahrer, eine große Persönlichkeit und für jedes Formel-1-Team eine Bereicherung“, sagte Toto Wolff der Deutschen Presse-Agentur auf die Frage, ob die Silberpfeile nun versuchen würden, Vettel zu verpflichten: „Mit Blick auf die Zukunft sind wir in erster Linie gegenüber unseren aktuellen Mercedes-Fahrern zu Loyalität verpflichtet, aber wir können diese Entwicklung natürlich nicht außer Acht lassen.“

Auch die Verträge von Sechsfach-Weltmeister Lewis Hamilton (35) und des Finnen Valtteri Bottas (30) enden nach dieser Saison. Eine Paarung Hamilton/Vettel im seit Jahren besten Auto der Motorsport-Königsklasse ist jedoch wenig wahrscheinlich, zwei Alphatiere in einem Team, das mag Vettel gar nicht, er will die klare Nummer eins sein. Dass Vettel eigentlich noch nicht aufhören will, machte er bereits mehrfach klar. Ein Wechsel von Hamilton zu Ferrari ist zumindest theoretisch denkbar. Immerhin gab es bereits Gespräche zu einem Zeitpunkt, an dem Vettels Abwanderungsgedanken wohl noch nicht so weit gediehen waren. Allerdings halten es nur wenige für denkbar, dass Hamilton tatsächlich zu den Italienern wechselt.

Dass Vettels Verhandlungen mit Ferrari scheiterten, hatte seine Gründe. „Das Finanzielle hat keine Rolle gespielt“, betonte Vettel. Bei seinem Wechsel zur Saison 2015 von Red Bull zu Ferrari hatte der gebürtige Heppenheimer einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Bei der vorzeitigen Verlängerung im August 2017 konnten sich beide Seiten wieder auf drei Jahre einigen.

Medienberichten zufolge bot Ferrari ihm zunächst nur einen Kontrakt über ein Jahr zu deutlich geringeren Bezügen an, dann über zwei. Was auch immer es wirklich war – in Vettels Sinn war es nicht.

Ihm ist auch nicht entgangen, dass Ferrari ohnehin auf seinen zehn Jahre jüngeren Teamkollegen Charles Leclerc zählt, der via Twitter aus Monaco auf das bevorstehende Ende der zuletzt vergifteten Renngemeinschaft mit Vettel reagierte: „Ich habe nie soviel gelernt wie mit Dir als Teamkollege. Danke für alles, Seb.“

Was in den vergangenen Monaten passiert sei, habe bei vielen dazu geführt, über die Prioritäten nachzudenken. Was genau Vettel damit meinte, führte er nicht aus. Vermeintliche Indiskretionen über die Verhandlungen mit seinem Noch-Arbeitgeber dürften die Entscheidung des dreifachen Familienvaters, der seit der Corona-Krise auf seinem ehemaligen Bauernhof in der Schweiz die Natur, das Familienleben und das Trainieren genießt, gegen eine weitere Zusammenarbeit aber auch beeinflusst haben.

Fraglich ist trotz aller Beteuerungen, wie Vettel und Ferrari die noch geplante neue Saison zusammen überstehen wollen, sollte diese trotz Coronavirus-Pandemie noch gestartet werden können. Zumal die bisherigen fünf Versuche, gemeinsam den Titel zu holen und die Dominanz von Mercedes und Hamilton zu brechen, Jahr für Jahr gescheitert waren und Vettel sich ob einer Reihe von Fehlern auch immer wieder Kritik ausgesetzt sah.

Sollte Vettel seine Formel-1-Zukunft, die 2007 als Ersatzpilot bei BMW-Sauber begann und ihn über Toro Rosso und Red Bull zu Ferrari führte, nicht mehr fortsetzen und Michael Schumachers Sohn Mick Schumacher (21) nicht doch schon nächstes Jahr von der Formel 2 in die Formel 1 aufsteigen, könnte es dazu kommen, dass 2021 erstmals seit 1990 kein deutscher Stammpilot am Start steht. dpa/jako

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