Friedrichsfeld

Friedrichsfeld Szenemacher improvisieren Wagners Rheingold in der Bibliothek

Zwischen Kritik und Komik

Archivartikel

5-4-3-2-1 – Los! Die ganze Friedrichsfelder Bibliothek macht mit beim Einzählen, zählt den Countdown runter, denn das ist der Beginn der ersehnten nächsten Bühnenshow, bei der gereimt, gesungen, getanzt, erzählt, gedichtet, gelacht und vor allem improvisiert wird. Mittwochabend gastierten die Szenemacher in der Bücherei in Friedrichsfeld. Es war quasi ein Heimspiel für die siebenköpfige Truppe aus Friedrichsfeld, und es war auch eine Premiere.

Für Wagners „Rheingold“ in Friedrichsfeld ohnehin, aber auch für die Szenemacher. Ihr neues Programm „Buchstabensuppe“ feierte Premiere. „Wir spielen zum ersten Mal in einer Bücherei“, wie Szenmacherin Mira in der Pause erklärte. Und das hatte durchaus seine Vorteile, denn das Publikum war mit in das Programm eingebunden. Aber keine Sorge, denn die Mitarbeit des Publikums beschränkte sich nur darauf, zufällige Bücher aus den Regalen zu ziehen und den Akteuren zu überreichen. Die Bücher bildeten die Vorlage und den Einstand für die nächste Show.

Kinderbuch gereicht

Als Szenemacher Markus von einem Zuschauer ein solches Kinderbuch gereicht wurde, fragte Markus die Zuschauer weiter nach einer beliebigen Seite aus dem Buch, eine Seite zwischen Seite 9 und 99. Als nach anfänglichem Zögern ein junger Zuschauer die Seite fünf vorschlug, war dem Lachen keine Grenze mehr gesetzt. Denn das Inhaltsverzeichnis eignet sich nun mal nicht zur Improvisation. Oder vielleicht ja doch, die Akteure der Szenemacher machen aus allem noch eine Szene.

2015 haben die sich zusammengefunden, im alten Bahnhof in Edingen-Neckarhausen war ihr Zuhause, aber das ist Geschichte. Nunmehr reisen sie wie Zugvögel durch die Lande auf der Suche nach neuen Spielstätten. Und da sind sie in der Friedrichsfelder Bibliothek angekommen. Und waren selber positiv überrascht über so viel literarische Inspiration für ihre Improvisation.

Etwa beim Kulturreport, bei dem Frau Dutzendhöfer mit Frau Müller-Thurgau über ihren neuesten Film sprach. Eine geniale Nummer, bei der Sekunden-, Minuten- und Stundenzeiger in einem dramatischen Finale von einer digitalen Anzeige abgelöst werden. Wer bei dem abgehobenen philosophischen Ansatz nur den Philosophenweg in Heidelberg kennt, der befand sich genau auf der Höhe der blonden Hauptdarstellerin. Markus, Mira, Edda, Ines, Ilse und Caro von den Szenemachern haben es verstanden, wie man aus ein paar Buchstaben, aus einem Wort oder gar einem Satz eine neue Geschichte formt, sie entstehen und sich entwickeln lässt, in ungeahnte Bahnen lenkt und sich dabei in einer Bandbreite zwischen ernster zeitkritischer Gesellschaftskritik und umwerfender Komik der Szene oder Fortgang des Stückes bewegt.

Und da wäre auch noch Roland zu nennen, der stand die wenigste Zeit auf der Bühne, war aber permanent zu hören: Das war der Musiker mit dem Akkordeon, der die Szenemacher begleitete und die Dramatik der Szenen noch unterstrich.

Oder der beim Rheingold das ganze Orchester spielte. Ein Höhepunkt im ersten Teil, bei dem es um die guten alten Reclam-Hefte ging: „Wir kennen sie alle, wir lieben sie alle“, so Mira. Ein Zuschauer durfte mal wieder ein beliebiges dieser Hefte auswählen, und so feierte Wagners Rheingold eben Premiere in Friedrichsfeld, improvisiert aber inklusive Schwefeldampf und kriechenden Kröten. Wunderbar!

Genau so wie die drei Monologe zur Freiheit, bei der Edda zwischen Penny und Lidl schwankt, oder der geniale Banküberfall, der Sommer in Cornwall, bei dem das Publikum sich nach dem ersten Satz schon kaum mehr auf den Stühlen halten konnte, oder dem genialen Finale, ein Mischmasch aller beteiligten improvisierten Charaktere, die sich alle nochmals treffen. Ein wunderbarer Abend. Und das Publikum zählt immer noch 5-4-3..... bis zum nächsten Auftritt der Friedrichsfelder Szenemacher.