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Fußball Seppl Herbergers Briefe an seine Spieler zeigen die Kommunikationsstrategie des Weltmeister-Trainers

Als der Chef ins „Du“ verfiel

Dortmund.Wenn Seppl Herberger zum Du wechselte, bedeutete das für seine Spieler nichts Gutes. Der ehemalige Bundestrainer tat das eigentlich nie, auch nicht in den Briefen an die von ihm geliebten Weltmeister von 1954. Er schrieb zwar an den „lieben Fritz“ Walter oder den „alten Freund“ Jupp Posipal, dem er sogar mal eine Pralinenschachtel schickte. Aber Herberger siezte seine Spieler.

Es sei denn, ihm war es sehr wichtig, so wie mit der mangelhaften Fitness seines Verteidigers Werner Kohlmeyer Monate vor der WM. Seinem „Kohly“ schickte Herberger am 14. Oktober 1953 folgenden Ratschlag: „Fahren Sie zum Geschäft und vom Geschäft und zum Training und vom Training nicht mit dem Auto und auch nicht mit dem Motorrad, sondern nehmen Sie das Fahrrad und was noch besser ist, gehen Sie zu Fuß.“ Und schließlich: „Halte Dich dran Kohly!“

Die historischen Schreiben sind Teil einer Sonderausstellung des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund. Sie sind zusammengefasst in dem Buch „Post vom Chef – Herbergers Briefe an die Weltmeister“, es ist der dritte Band der Kleinen Fußball-Bibliothek. Am 3. Juli wird die Ausstellung um 13.30 Uhr eröffnet im Beisein von Horst Eckel, dem einzigen noch lebenden Weltmeister von 1954.

Die Briefe zeigen nicht nur die enge Verbundenheit Herbergers mit seinen Weltmeistern, sondern zeichnen auch ein Bild der Kommunikationsstrategie des ersten deutschen Weltmeister-Trainers. Über die Schreibmaschine im Studierzimmer seines Hauses in Weinheim begleitete Herberger die Karrieren seiner Nationalspieler. Die schwarzen Buchstaben auf dem vergilbten Papier verdeutlichen die Rollenvielfalt, mit der Herberger gegenüber seinen Spielern auftrat.

Der gebürtige Mannheimer konnte Mahner sein oder Vaterfigur, aufbrausend oder fürsorglich, nur eine Sache war ihm grundsätzlich wichtig: Disziplin.

Ausstellung in Dortmund

Als einer seiner Spieler nach einem Lehrgang sein Hotelzimmer in offenbar schlechtem Zustand hinterließ, schrieb Herberger: „Noch jetzt – Tage danach – schütteln mich Ekel und Scham, wenn ich daran denke.“ Oder als es WM-Held Helmut Rahn abseits des Platzes mal wieder zu locker angehen ließ: „Ich kann Ihnen nicht mehr glauben. Soweit haben Sie es endlich gebracht!“

Aber loslassen von seinen Weltmeistern konnte Herberger nie. Auch vom manchmal übergewichtigen Essener Bergmannssohn Rahn nicht, dem er 1965 zum Karriereende als „lieber alter Freund“ schreibt.

Wie eine Familie

Nicht nur mit Rahn hält der kinderlose Herberger sogar nach dem Ende seiner Zeit als Bundestrainer 1964 Kontakt. Seine „Helden von Bern“ seien für ihn „wie eine Familie“ gewesen, heißt es in dem Buch. Nach einem Selbstmordversuch 1969 etwa bedankt sich Ottmar Walter schriftlich bei Herberger für die „große Hilfe“ während seiner Kur und bittet ihn um „väterlichen Rat“ für die Zukunft.

Aber eine Frage beantworten die Briefe nicht: Wäre er auch heute ein guter Bundestrainer gewesen? Ein WhatsApp-Nachrichten schreibender Herberger im alten Trainingsanzug unter der Dachschräge seines Studierzimmers ist zwar schwer vorstellbar. Auch die von ihm gewählte 3-2-2-3-Aufstellung des WM-Endspiels 1954 gegen Ungarn dürfte heutzutage nicht mehr zum Erfolg führen. Aber alldem hätte sich der wissbegierige Herberger schnell anpassen können. Anhand seiner Briefe ist dagegen eine Eigenschaft erkennbar, die zeitlos zu den bedeutendsten eines Trainers zählen dürfte.

„Viel Empathie, das ist heute wichtig bei den jungen Spielern, dass man Zugang zu ihnen bekommt und sie auf einer persönlichen Schiene erreicht“, sagte jüngst der aktuelle Bundestrainer Joachim Löw über das grobe Profil seines Nachfolgers. Auch Herberger behandelte jeden seiner Spieler individuell. Schriftlich gab er ihnen mit, was sie aus seiner Sicht brauchten, nie grob, aber oft versehen mit einer klaren Forderung.

Am deutlichsten trat diese für Herberger typische Mischung aus Lob und Kritik hervor, wenn er mal wieder ins seltene Du wechselte. Im Oktober 1953 etwa drängte es ihn, dem 21-jährigen Horst Eckel „zu sagen, daß Sie gegen die Saar in Stuttgart eine gute Partie geliefert haben.“

So richtig zufrieden war Herberger dann am Ende aber doch nicht: „Nun kommt bald Norwegen. Da hast Du einiges gutzumachen lieber Freund.“