Fußball

Interview U-21-Nationaltrainer Stefan Kuntz über die Ziele bei dieser EM und die deutschen Probleme im Nachwuchsbereich

„Als Einheit noch stärker“

Udine.Trainer Stefan Kuntz sieht seine U-21-Nationalmannschaft für die am Sonntag beginnende Europameisterschaft gut gerüstet. Ziel des Titelverteidigers ist mindestens das Halbfinale, das auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 bedeuten würde. Kuntz spricht im Interview über sein Team, Probleme im deutschen Nachwuchs-Fußball und seine Arbeit als Trainer.

Herr Kuntz, wenn Sie die Europameister-Mannschaft von 2017 mit der von heute vergleichen – sind die Teams ungefähr auf einem Niveau?

Stefan Kuntz: Sie sind anders. 2017 hatten wir vielleicht in der Offensive individuell eine etwas höhere Qualität, aber diese Mannschaft ist als Einheit noch stärker.

Ihr Ziel für die EM bleibt mindestens das Halbfinale?

Kuntz: Das Halbfinale wollen wir schon erreichen.

Auch weil Olympia 2020 noch einmal ein besonderer Anreiz ist?

Kuntz: Auch, aber generell möchten wir schon, unter den vier besten Teams sein. Und dann wollen wir gemeinsam den nächsten Schritt gehen.

Ist das realistisch, wenn man schaut, wer bei den anderen Mannschaften so dabei ist? Serbien zum Beispiel kommt mit Luka Jovic.

Kuntz: Die anderen Länder haben eine andere Einstellung dazu. Bei den Serben kommen mehr A-Nationalspieler mit, das liegt sicherlich auch in der Historie des Landes begründet und auch in der Mentalität, deswegen unterschätzen wir sie auch nicht. Die Dänen sind wesentlich besser als vor zwei Jahren, und das Nachbarschaftsduell gegen Österreich ist sowieso von einer hohen Emotionalität geprägt. Insofern ist das für uns eine schwere Gruppe.

Ihr Team hat in den Vorbereitungsspielen gute Leistungen gezeigt. War es wichtig, dass man da gesehen hat, man kann auch die starken Gegner schlagen?

Kuntz: Natürlich, weil du damit ein Zeichen gesetzt und das eigene Selbstvertrauen gestärkt hast.

Vor zwei Jahren war die U-21- EM der Höhepunkt eines vollen Turniersommers, da war der DFB von der U-17-EM bis zur U-20-WM überall vertreten. Das sieht dieses Jahr anders aus – ist das Zufall oder eine längere Entwicklung, die sich da widerspiegelt?

Kuntz: Das ist schon eine Zustandsbeschreibung. Ich denke aber, wir neigen in Deutschland dazu, alles eine Idee zu gut oder eine Idee zu schlecht zu sehen. Wir haben nicht umsonst vor zwei Jahren eine AG mit der DFL ins Leben gerufen, die überlegt, wie wir den Fußball weiterentwickeln können; von den organisatorischen, administrativen Aufgaben bis hin zu den Inhalten der Nachwuchsförderung. Wir haben aktuell pro Jahrgang nicht mehr die Masse an überragenden Talenten, wie zum Beispiel Kai Havertz, der die U 21 komplett überspringen kann. Aber auf der anderen Seite hätte unsere U 20 bei der aktuellen WM eine gute Rolle spielen können. Vieles ist nicht immer in einer Entwicklung begründet, manchmal fehlt dir einfach nur das Spielglück.

Bastian Schweinsteiger hat gesagt, er glaube, dass junge Spieler manchmal mehr Härte bräuchten. Wie würden Sie das sehen?

Kuntz: Es ist die Frage, was er genau meint. Wenn Basti meint, dass ihnen zu viel abgenommen wird und dass sie mehr selber erledigen sollten, dann hat er zu 100 Prozent recht. Ich bin der Meinung, dass die Spieler, wenn sie zu uns kommen, im Vergleich zu meiner Zeit damals zwischen 500 und 1000 Konflikte weniger ausgetragen haben. Aber diese Konfliktlösungen, die Konfliktbewältigung sind wichtige Punkte in der Persönlichkeitsentwicklung. Von daher hat er recht. Aber wir können auch nicht mehr auf dem Trainingsplatz so agieren wie zu meinen Anfangszeiten – das war einfach Befehl und Folgen und Feierabend. Es ist schon gut, wenn man die Spieler heute in Entscheidungen miteinbezieht, das wollen sie auch so. Dadurch wird auch die Verantwortung ein bisschen breiter verteilt.

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und den Spielern?

Kuntz: Ich glaube, ein Trainer muss authentisch und berechenbar sein. Und dann müssen die Spieler beurteilen, ob das einfach ist oder nicht. Ich merke, wenn wir offen auf sie zugehen, dass auch viel zurückkommt. dpa

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