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Fußball Erneut kommt es bei der Auslegung des Videobeweises zu gravierenden Fehlentscheidungen

Auf der Anklagebank

Archivartikel

Frankfurt.Jochen Drees als Projektleiter Videobeweis dürfte sich bei seinem Besuch im ZDF-„Sportstudio“ wie auf der Anklagebank vor einem Millionenpublikum gefühlt haben. Bitten um Verständnis für die schwachen Schiedsrichterleistungen, büßen für die Missverständnisse zwischen dem Keller in Köln und den Spielleitern auf dem Platz. Spätestens nach diesem Bundesliga-Wochenende mit folgenreichen Fehlentscheidungen beim Dauerthema Handspiel ist klar: Die Branche steckt in der Krise – und keiner weiß, wer sie da rausholt.

„Die Auslegung der Handregel ist mittlerweile völlig willkürlich. Der Videobeweis verliert total an Akzeptanz. Und das darf nicht sein!“, warnte der frühere Bundesliga-Referee Thorsten Kinhöfer in seiner Kolumne in der „Bild am Sonntag“. Er sei nicht oft sprachlos – „aber gestern ist mir echt nichts mehr eingefallen“. So ging es vielen Fans, Spielern und Trainern.

Noch vor wenigen Jahren rühmte sich der DFB damit, die besten Schiedsrichter der Welt zu haben. Offensiv versucht der Verband mittlerweile mit den Problemen umzugehen, kommt jedoch aber kaum mehr nach mit seinen Erklärungsversuchen. Drees räumte am Samstagabend erst einmal ein, dass die Entscheidung beim nicht geahndeten Handspiel von Herthas Karim Rekik beim Berliner 3:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart „ohne Zweifel“ falsch gewesen sei. Genauso wie beim gepfiffenen Handspiel von Jérôme Boateng beim 3:1 des FC Bayern gegen Hannover 96: „Nein, das ist kein Elfmeter.“

In Berlin erkannte der Unparteiische Daniel Schlager beim Stande von 0:0 die Situation nicht. „Wenn wir einen Videoschiedsrichter installieren, muss er im Keller auch online sein“, kritisierte VfB-Trainer Nico Willig nach dem Spiel. Da hatte es DFB-Schiedsrichterboss Lutz-Michael Fröhlich als Tribünengast im Olympiastadion vor einem TV-Schirm längst als Fauxpas bewertet, dass der erfahrene Günter Perl als Video Assistant Referee (VAR) in Köln nicht eingegriffen hatte.

In München sagte selbst Thomas Doll, als Hannovers Chefcoach Profiteur vom Strafstoß nach der Boateng-Aktion: „Wahrscheinlich war das wieder so ein Phantom-Elfer.“ Bayern-Coach Niko Kovac forderte, die Handregel zurückzudrehen – „so wie die ursprünglich war“. Die internationale Regel 12 („Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt“) lässt den Referees aber zu viel Interpretationsspielraum, die durch die Unsicherheit der Videoassistenten mitunter noch potenziert wird.

Können Ex-Profis helfen?

Mittlerweile greifen die Unparteiischen – ausgerechnet zum Saisonende – mit ihren Fehlentscheidungen immer öfter in den Wettbewerb ein. Zuletzt hatte Drees den entscheidenden Elfmeter zum 3:2 der Bayern im DFB-Pokalhalbfinale in Bremen als „nicht korrekt“ bezeichnet. In der neuen Saison könnte die Debatte sogar noch ausufern: Denn auch in der 2. Liga wird der Videoassistent eingeführt.

„Die Schiedsrichter haben es auch nicht leicht mit der Handregel. Wir hoffen alle, dass da im Sommer eine Änderung kommt“, sagte Ex-Weltmeister Thomas Müller. Doch die Hoffnung auf Hilfe von den Regelhütern dürfte vergebens sein: Das International Football Association Board (IFAB) hat sich Anfang März zwar auf Präzisierungen der Handspielregel verständigt. Aber die bislang bekannten Ausführungen, die am 1. Juni in Kraft treten, sind so schwammig wie die bestehenden Regeln. Dem Vernehmen nach werden die bislang drei Interpretationskriterien lediglich modifiziert und ergänzt. Und auch der vehement vorgebrachte Vorschlag von BVB-Berater und TV-Experte Matthias Sammer, mehr Ex-Profis in den Keller von Köln zu schicken, wird sich nicht umsetzen lassen.