Fußball

Interview Dortmunds Manager Michael Zorc über die Lehren aus der verkorksten Vorsaison, den neuen Trainer Lucien Favre und die Suche nach einem Torjäger

„Bei uns streikt sich keiner mehr weg“

Bad Ragaz.Nach einer dürftigen Saison hat der BVB gleich auf mehreren Ebenen Umbauarbeiten vorgenommen. Angestrebtes Ziel ist eine Rückkehr zum Dortmund-Gefühl. Sportdirektor Michael Zorc beschreibt im Interview, wie das funktionieren soll, lobt den neuen Trainer Lucien Favre und äußert sich zur Frage, ob der BVB nach dem Königstransfer Axel Witsel noch einen Torjäger verpflichtet.

Beim BVB ist derzeit viel von einem Neustart die Rede. Sebastian Kehl hat bei seiner Vorstellung als Leiter der Lizenzspielerabteilung über das ein Stück weit verloren gegangene Dortmund-Gefühl geklagt. Herr Zorc, Sie sind gebürtiger Dortmunder und BVB-Rekordspieler. Kaum jemand könnte besser erklären, was das Dortmund-Gefühl ist . . .

Michael Zorc: Das Gefühl des totalen Zusammenhalts, dieses Gemeinschaftsgefühl, hat uns immer ausgezeichnet, gerade in schwierigen Zeiten. Es war in der vergangenen Saison ein Stück weit verloren und es gab ein leichtes Auseinanderdriften der BVB-Familie. Sicher auch bedingt durch ein paar undisziplinierte Aktionen, die öffentlich wurden. Dafür bringen Fans kein Verständnis auf.

Sie spielen auf den Streik von Ousmane Dembélé und dem lauten Abgang von Pierre-Emerick Aubameyang an. Gibt es deshalb eine veränderte Strategie im Umgang mit der Mannschaft?

Zorc: Ja, die gibt es. Wir haben klarere Verhaltensnormen festgelegt. Und wir schauen auf die Einhaltung dieser Normen. Selbst wenn es nur um Kleinigkeiten wie Pünktlichkeit geht. Das muss Normalität sein, war aber zuletzt nicht immer so, wie es sein sollte. Was den Dembélé-Streik angeht: Ich mag keine Drohung aussprechen, aber bei uns kann sich keiner mehr wegstreiken. Es gibt auch für derlei Fälle eine klare Ansage.

Nicht nur der Kader wurde verändert. Mit Kehl und dem externen Berater Matthias Sammer sind zwei ehemalige Profis in neuer Funktion hinzugekommen. Was versprechen Sie sich davon?

Zorc: Hans-Joachim Watzke und ich haben das mehr als zehn Jahre als Duo gemanagt, obwohl das Geschäft intensiver und intensiver geworden ist. Da unterliegst du der Gefahr, bei Problemstellungen immer in die gleiche Schublade zu greifen. Und du kannst die doppelte Arbeit nicht weiter zu zweit machen. Von Matthias erhoffen wir uns einen etwas distanzierteren Blick. Von außen bewertet man Situationen einfach anders. Sebastian bringt viel Identifikation mit und kann rund um die Mannschaft hervorragende Arbeit leisten. Das war für mich alleine schon zeitlich nicht mehr zu stemmen.

Wichtiger noch als die Personalien Kehl und Sammer dürfte es sein, dass der BVB auch einen neuen Trainer hat. Wie haben Sie Lucien Favre bisher wahrgenommen?

Zorc: Er ist jemand, der dem Team eine klare Struktur und einen klaren Rahmen gibt. Das heißt, er gibt sehr viel inhaltlichen Input. Es ist gerade für unsere Mannschaft wichtig, dass sie immer wieder gefordert wird – nicht nur in den Spielen, sondern auch in den Trainingseinheiten. Ich erlebe Lucien als ausgesprochen engagiert. Wir haben eine sehr offene Dialogebene.

Der Coach war sicherlich in den jüngsten Transfer eingebunden. Warum hat sich der BVB so intensiv um Axel Witsel bemüht?

Zorc: In der Analyse der vergangenen Saison haben wir festgestellt, dass es in einigen Spielen schlicht zu einfach war, uns zu schlagen. Da hatten wir zu wenig Gegenwehr auf dem Platz. Und zu wenig Führungsfiguren, die gesagt haben, Jungs, reißt euch wieder zusammen, sonst geht das hier heute in die falsche Richtung. Das erwarte ich mir von Axel Witsel. Er hat große internationale Erfahrung und strahlt Ruhe aus. Er bringt eine Qualität und Erfahrung mit, die wir so in der Mannschaft nicht haben.

Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, würde sich nach eigener Aussage freuen, wenn der BVB Millionen investieren und wieder näher an die Münchner rücken würde. Kann das schon in dieser Saison gelingen?

Zorc: Wir sollten nicht den Fehler machen, nach dieser schlechten Saison sofort Ansprüche zu stellen und Ankündigungen zu machen. Wir haben viel verändert auf fast allen Ebenen. Das bringt immer ein Stück Ungewissheit mit sich. Aber Borussia Dortmund wird sich in den nächsten Jahren immer als Champions-League-Club sehen.

Fehlt nicht noch ein echter Knipser? In den vergangenen Jahren hatte der BVB in Barrios, Lewandowski, Aubameyang und Batshuayi immer gute Torjäger. Kommt der BVB diesmal ohne aus?

Zorc: Zum einen haben wir Spieler wie Marco Reus oder Maximilian Philipp im Kader, die für eine große Zahl an Toren gut sind. Zum anderen muss ich mich auch an wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Clubs orientieren. Wir haben in diesem Jahr schon deutlich mehr Geld ausgegeben als eingenommen. Die Transfers von Manuel Akanji und Sergio Gomez im Winter waren ja auch schon Vorgriffe, dazu die Ihnen bekannten Transfers in diesem Sommer. Auch für mich gilt die Priorität der wirtschaftlichen Vernunft. Internationale Topstürmer, da muss man ehrlich sein, sind für Borussia Dortmund zurzeit fast unmöglich zu realisieren.

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