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Fußball Die Fans des FC Liverpool haben Jürgen Klopp schon jetzt in den Kult-Status erhoben – die erste Meisterschaft nach 29 Jahren würde ihn zur Legende machen

„Dann ist er größer als die Beatles“

Liverpool.Jürgen Klopp legt die rechte Hand auf seine linke Brusthälfte. Voller Stolz berührt der 51-Jährige das Wappen des FC Liverpool mit dem berühmten Liver Bird und schaut zufrieden in die Ferne. Willkommen an der legendären Anfield Road? Nein, Hello aus dem Baltic Triangle, dem neuen In-Viertel der Hafenstadt im Norden Englands. An einer Häuserwand hat der Graffiti-Künstler Akse den Coach des FC Liverpool verewigt. Seitdem ist die Ecke Jordan Street/Jamaica Street eine der beliebtesten Attraktionen für die Fans des FC Liverpool.

Auch Oystein Gulliksen hat sich an diesem Morgen auf den Weg in das einstige Industriegebiet gemacht. Zusammen mit seinem elf Jahre alten Sohn Viktor ist er extra aus Norwegen angereist, um am Nachmittag das Heimspiel gegen AFC Bournemouth zu sehen. Da darf ein Besuch beim Klopp-Gemälde natürlich nicht fehlen, auch wenn die Gegend auf den ersten Blick wenig einladend wirkt.

Doch Klopp verleiht auch dieser Umgebung Glanz. „Er ist ein super Coach. Ich hoffe, er bleibt noch lange in Liverpool“, sagt Gulliksen, wenige Tage vor dem ersten der zwei mit Spannung erwarteten Duellen mit dem FC Bayern München im Achtelfinale der Champions League.

Die Wunden der Vergangenheit

Am 12. Mai wird Gulliksen wieder in Liverpool sein. Es ist der Tag, auf den alle in der Beatles-Stadt hinfiebern. Wolverhampton wird dann an der Anfield Road zu Gast sein, es ist der letzte Spieltag der Premier League. Und alle in Liverpool, mit Ausnahme der sich in der Unterzahl befindlichen Fans des FC Everton, träumen davon, dass ihr Club dann endlich wieder englischer Meister wird – nach quälend langen 29 Jahren.

„Dieses Jahr muss es einfach klappen“, sagt Taxifahrer Frank, während er seinen Wagen durch eine der engen Gassen Liverpools kutschiert. „Mein Sohn ist 29 Jahre alt und hat noch nie einen Meistertitel gefeiert. Das geht doch nicht.“ Und so gut wie derzeit sah es lange nicht mehr aus. Zusammen mit Manchester City liefert sich das Klopp-Team einen packenden Zweikampf an der Tabellenspitze. Gewinnen die Reds ihr Nachholspiel, haben sie drei Punkte Vorsprung. „Wir sind einfach mal wieder dran“, sagt Frank. Und er braucht auch nicht lange zu überlegen, wem der Liverpool Football Club das zu verdanken hat. „Klopp natürlich. Er ist brillant. Er passt mit seiner Leidenschaft einfach perfekt zu uns“, sagt der glühende Fan. „Wenn er uns wirklich den Titel bringt, dann reißen sie vor dem Stadion die Bill-Shankly-Statue ab und bauen ihm selbst ein Denkmal. Dann ist er größer als die Beatles.“

Womit Frank womöglich doch ein bisschen übertreibt. Denn an die Beatles reicht in Liverpool niemand heran. Es gibt kaum eine Straße, die nicht an die berühmten Pilzköpfe John Lennon, Paul McCartney, Ringo Starr und George Harrison erinnert.

Doch auch der FC Liverpool ist in der Stadt tief verwurzelt. Die Scousers, wie die Menschen in der 500 000-Einwohner-Stadt wegen ihres oftmals nur schwer zu verstehenden Dialektes genannt werden, leben die ganze Woche über für die Spiele am Wochenende. Freundlich und entgegenkommend sind sie hier, aber zugleich stolz und mit einem ganz eigenen Kopf.

Auch ein Grund, warum Klopp so gut hierher passt und von den Menschen verehrt wird. Mit seiner Leidenschaft und seinen Emotionen verkörpert er die Spielweise und Geschichte des Clubs wie lange kein Trainer vor ihm. Fußball an der Anfield Road – das bedeutet wieder Tempo-Fußball über 90 Minuten, voller Hingabe und Pathos. Genau so wie es Klopp liebt und an der Seitenlinie vorlebt.

Furcht vor dem Scheitern

Dass der Coach auch seinen eigenen Kopf hat, ist in Deutschland bekannt und das erleben sie nun auch auf der Insel. Nachdem die Reds zwischenzeitlich bereits sieben Punkte Vorsprung auf Manchester City hatten, ist dieser jüngst wieder geschrumpft. Fans und Medien in Liverpool wurden wieder unruhig. Zu bekannt ist allen hier das Scheitern der Vergangenheit. 29 Jahre ohne Meistertitel haben tiefe Wunden hinterlassen. Klopp kann dem Pessimismus nichts abgewinnen. „Es musste doch allen klar sein, dass wir nicht im Februar die Meisterschaft gewinnen“, sagt er vor dem Duell mit Bournemouth mit bösem Blick. Rumms – da ist er, der böse Herr Klopp. Doch der Coach ist genauso ein Menschenfänger, weshalb er nach der Kritik an der Kritik sofort wieder positiv wird. „Die Fans hier an der Anfield Road sind einzigartig und jetzt brauchen wir sie wieder ganz besonders“, richtet sich Klopp an die Anhänger.

Liverpool gewinnt das Spiel gegen Bournemouth hochverdient mit 3:0. Das Team überzeugt, die Fans sorgen endlich wieder für die typische Gänsehaut-Stimmung. Nach dem Schlusspfiff dreht sich Klopp noch einmal zu den treuesten Anhängern auf der berühmten Tribüne The Kop um und ballt die Faust. Und dann klopft er sich mit der rechten Hand auf seine linke Brusthälfte und berührt voller Stolz das Club-Emblem mit dem berühmten Liver Bird.