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Fußball Kult-Profi Adebayo Akinfenwa ist 38 Jahre alt – und steigt mit den Wycombe Wanderers in die zweithöchste Spielklasse auf

Das „Biest“ ist am Ziel

Archivartikel

London.Ein Profifußballer steigt mit 38 Jahren erstmals in die zweithöchste Spielklasse auf – und ganz England feiert mit ihm. Adebayo Akinfenwas persönlicher Triumph mit dem langjährigen Amateurclub Wycombe Wanderers hatte fraglos etwas Magisches. „The Beast“, das Biest, wie er auf der Insel nur genannt wird, ist am Ziel seiner Träume. Dabei kämpft er längst nicht nur gegen gewisse körperliche Einschränkungen, für die ihn Fans verehren. Auch Akinfenwa ist als farbiger Spieler immer wieder Opfer von Rassismus und Diffamierungen geworden. Sein Umgang damit ist souverän.

Im Play-off-Endspiel gegen Oxford, das Wycombe vor der Geisterkulisse im riesigen Londoner Wembley-Stadion am Montag mit 2:1 für sich entschied, war Akinfenwa eingewechselt worden und kaum aufgefallen. Dennoch wusste das TV-Team von Sky Sports sofort, welcher Spieler unbedingt vor laufender Kamera sprechen sollte: Adebayo Akinfenwa. Es entwickelte sich eines der kuriosesten Interviews der jüngeren Fernsehgeschichte. „Sag mir, was wir geschafft haben!“, forderte Akinfenwa den Moderator wieder und wieder auf. „Ich glaube, die Leute haben dich nicht gehört.“ Später gab er die Antwort selbst – und zwar gleich dreimal. „Wycombe ist in der Championship. Warte, noch einmal: Wycombe ist in der Championship!“

„Fetter Wasserbüffel“

Einige Tage zuvor hatte ihn beim Play-off-Halbfinale gegen Fleetwood ein Vertreter des Gegners wiederholt als „fetten Wasserbüffel“ bezeichnet. Er fühle sich entmenschlicht, schrieb Akinfenwa in sozialen Medien zu dieser Beleidigung, und erinnerte sich an Zeiten zu Beginn seiner Karriere, als er in Litauen wiederkehrend aufgrund seiner Hautfarbe beleidigt und sogar bedroht worden war.

Im Moment des größten Erfolgs meinte der Muskelprotz nur vielsagend: „Im Leben und im Fußball geht es immer um Ansichten. Meine Geschichte zeigt, dass die einzig wichtige Meinung die ist, die man über sich selbst hat.“ Zuvor hatte der streng gläubige Profi auf Knien ein Gebet gen Himmel gerichtet.

Wer Akinfenwa auf dem Fußballfeld laufen sieht, der vermutet zunächst ein großes Missverständnis. 102 Kilogramm pressen sich in ein stets zum Zerreißen gespanntes, leuchtend himmelblaues Trikot der Wycombe Wanderers. Es ist Muskelmasse, kein Fett: Akinfenwa sieht aus wie ein Gewichtheber, ein absoluter Fitnessnerd. Tatsächlich ist er leidenschaftlicher Bodybuilder. Trotzdem hat er seit fast zwei Jahrzehnten ebenso viel Fußball im Kopf, mittlerweile 700 Pflichtspiele in den Beinen. Quasi alle hat er für englische Dritt- und Viertligisten absolviert. Für mehr reichte es nie.

Schon dieses Niveau erreicht zu haben, sehen manche als Wunder an: Akinfenwas größte Stärke ist zwar seine Stärke, doch die beschert ihm auch eklatante Schwächen. Sein Antritt ist staturbedingt nicht der spritzigste, er ist kein feiner Techniker, kann keine flinken Haken schlagen und besitzt nicht die beste Ausdauer. Dafür räumt den Stürmer nichts und niemand aus dem Weg. „Meine Arme sind so breit wie die Beine von John Terry“, sagte Akinfenwa einst. Prompt wurde nachgemessen – und „The Beast“ hatte recht.

Aber die Muckis zeigen Wirkung. In Luftduellen können ihn selbst zwei Gegenspieler nicht stoppen, seine Kopfbälle sind kleine Torpedos und bescheren ihm unglaubliche Torquoten. „Adebayo Akinfenwa könnte auch einen Elfmeter per Kopf versenken“, witzelt man im Internet.

Längst Kultstatus

Bei Championship-Aufsteiger Wycombe – auch für den 1887 gegründeten Verein ist es der größte Erfolg seiner bis dato unscheinbaren Geschichte – ist Akinfenwa seit vier Jahren unter Vertrag, er genießt trotz seiner Prominenz großes Ansehen bei den Mitspielern und längst Kultstatus bei der Anhängerschaft. Akinfenwa veröffentlichte 2017 sogar ein Buch über seine Karriere. „Sie sagten mir, ich wäre zu dick für den Fußball“, ist der Satz, anhand dessen Akinfenwas Biografie erzählt wird. „Und sie sagen es immer noch.“ Dabei weiß er mit etwa 200 Karriere-Toren und zwei Aufstiegen binnen zwei Jahren starke Argumente hinter sich.

Den nächsten Gegenbeweis will das Schwergewicht in der zweithöchsten englischen Liga liefern. Sein Vertrag läuft zwar aus, im Umfeld hoffen viele auf eine Verlängerung Akinfenwas, der vom Ruhestand noch nichts wissen will. Notfalls muss er prominente Kontakte ausspielen: „Die einzige Person, die jetzt bei mir auf WhatsApp durchklingeln kann, ist Klopp, damit wir zusammen feiern können“, sagte Akinfenwa. Und noch in der gleichen Nacht meldete sich Jürgen Klopp, Meistertrainer des FC Liverpool. „Hallo, großer Mann. Herzlichen Glückwunsch!“, grüßte Klopp den Reds-Fan via Smartphone. Das brachte selbst den durchtrainiertesten Fußballer Englands den Tränen nahe.

Jan Ahlers ist Sportredakteur bei der „Neue Westfälische“ in Bielefeld, die Mitglied der „G14plus“ ist: Eine bundesweite Kooperation von Sportredaktionen, die Beiträge austauschen. Auch diese Redaktion gehört zur „G14plus“.

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