Fußball

Bundesliga-Serie VII Der chronisch unruhige FC Schalke 04 hat schon wieder den Trainer ausgetauscht / Schafft der junge Domenico Tedesco die Trendwende?

Diesmal wird alles besser - bestimmt

Gelsenkirchen.Auf dem Vereinsgelände des FC Schalke 04 am Berger Feld rollen derzeit die Bagger. Es entstehen Trainingsplätze und ein eigenes, kleines Stadion, in dem künftig die zweite Mannschaft des Traditionsclubs antreten wird. Vom alt-ehrwürdigen Parkstadion, in dem die Schalker manchen Triumph und viele Tränen vergossen, wird dann nichts mehr zu sehen sein.

Schalke als Baustelle, das ist ein Bild, das eigentlich immer passt, wenn es darum geht, den Ist-Zustand eines Vereins zu beschreiben, der sich auf der ständigen Suche nach sich selbst befindet. Die letzten Jahre waren von permanenter Unruhe geprägt, kontinuierliches Arbeiten ist in diesem chronisch überhitzten Umfeld meist ein frommer Wunsch geblieben.

Das ist auch vor der neuen Saison so, denn auf Schalke haben sie mal wieder den Trainer ausgetauscht. Die Liste der mit großen Vorschusslorbeeren verpflichteten Fachleute, die vorzeitig gehen mussten, weil die kickende Belegschaft hinter ihren Möglichkeiten blieb, ist lang: Allein in den vergangenen zehn Jahren gaben sich elf Trainer die Klinke in die Hand, wer sie unfallfrei aufzählen kann, darf in einer Quizshow auf den Jackpot hoffen: Mirko Slomka, Mike Büskens, Fred Rütten, Felix Magath, Seppo Eichkorn, Ralf Rangnick, Huub Stevens, Jens Keller, Roberto di Matteo, Andre Breitenreiter und zuletzt Markus Weinzierl.

Nun trägt also Domenico Tedesco die Bürde, das zu schaffen, wovon sie im Revier kaum noch zu träumen wagen: Mit Ruhe und Bedacht eine Mannschaft zu entwickeln, die schönen, erfolgreichen Fußball spielt, und die nicht von ewigen Aufs und Abs durchgerüttelt wird. Das Credo auf Schalke ist dabei jedes Jahr der gleiche: Diesmal wird alles besser - ganz bestimmt. Dabei ist der Trend in den vergangenen Jahren permanent rückläufig: Von der Champions League in die Europa League und zuletzt unter Weinzierl ganz raus aus dem internationalen Geschäft. Ein konkretes Saisonziel haben sie sich im Revier dieses Mal sicherheitshalber erspart, sondern formulieren recht allgemein, den Fußball verbessern zu wollen, den die Mannschaft ihren Fans präsentiert: Schneller, kompakter und mit viel mehr Leidenschaft als das blutleere Gekicke, mit denen die Anhänger zuletzt regelmäßig gequält wurden.

Der Mann, der für mehr Unterhaltungswert sorgen soll, ist gerade mal 31 Jahre jung und hat im Profigeschäft bislang nicht viel vorzuweisen: Vier Monate bei Erzgebirge Aue, einem Zweitligisten, der hierzulande wahrlich nicht zu den Global Playern zählt. An Reputation ist das wenig, und doch sind sie auf Schalke mehr als angetan von Tedesco, der in der Stuttgarter und Hoffenheimer Jugendarbeit erstmals auf sich aufmerksam machte. Vor allem Manager Christian Heidel, der den Deutsch-Italiener geholt hat, singt das hohe Lied und vergleicht ihn mit dem jungen Thomas Tuchel, den er einst in Mainz zum Chef beförderte.

An frischem Personal tragen vor allem zwei Spieler die Hoffnungen, den angestrebten Aufschwung zu verwirklichen: Amine Harit, für acht Millionen Euro vom FC Nantes gekommen, soll ebenso mehr Tempo und Überraschungsmoment in die Schalker Offensivbemühungen bringen wie Breel Embolo, der sich ein Jahr nach seinem komplizierten Fußgelenksbruch zurückgemeldet hat. Doch beim Schweizer wird es wohl noch etwas dauern, bis er wieder in der Verfassung ist, die ihn zu einem europaweit begehrten Stürmer machte: "Er ist total hungrig aufs Spielen, so wie wir auch hungrig auf ihn sind", sagt Tedesco, der zuletzt etwas überraschend Ralf Fährmann zum neuen Kapitän ernannte und Benedikt Höwedes die Binde abnahm. "Es ist eine Entscheidung, die nicht gegen Benedikt Höwedes spricht. Wir wollen Verantwortung delegieren", sagte der Trainer, während Höwedes erwartungsgemäß nicht sonderlich glücklich reagierte: "Auch wenn ich die Entscheidung nicht teile, habe ich diese natürlich zu akzeptieren."

Und dann gibt es auf Schalke ja auch noch die Personalie Goretzka, bei der sich der Revierclub in eine Zwickmühle befindet. Heidel hat klipp und klar festgelegt, dass der gebürtige Bochumer, der beim Gewinn des Confed Cup für Furore sorgte, in der neuen Saison auf jeden Fall in Königsblau aufläuft. Einerseits ist es eine gute Nachricht, den besten Fußballer weiterhin im Kader zu wissen, um die dringend erforderliche spielerische Entwicklung voranzutreiben. Auf der anderen Seite läuft der Vertrag des Nationalspielers im Sommer 2018 aus. Aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen wäre es schon fast fahrlässig, einen Profi ablösefrei ziehen zu lassen, dessen Verkauf in einem sich irrwitzig gebärdenden Markt exorbitante Gewinnmargen verspräche.

Zumindest eine Saison dürfen sie auf Schalke also noch die Darbietungen eines der talentiertesten Spieler genießen, den die mit so viel Klasse gesegnete Fußballnation Deutschland zu bieten hat. Wobei neben der fußballerischen Qualität auch die charakterliche Reife des 22-Jährigen beachtlich ist. Goretzka unterstreicht Führungsansprüche, wenn er Sätze wie diesen formuliert: "Wir wollen auf Schalke eine gewisse Identität haben. Wenn wir das hinbekommen, haben wir die Qualität, wieder dahinzukommen, wo dieser Verein hingehört."

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