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Fußball Noch vor ein paar Jahren war Robin Gosens zu schlecht für Borussia Dortmund – heute mischt er die Serie A auf

Ein Bauer in der Königsklasse

Archivartikel

Düsseldorf/Manchester.Als Pep Guardiola im Mai 2011 als Trainer des FC Barcelona zum zweiten Mal die Champions-League-Trophäe in den Londoner Nachthimmel reckte, war Robin Gosens an den Wochenenden Stammgast in einer Diskothek in Rhede, jobbte nebenbei an einer Tankstelle und spielte sonntags auf verschiedenen Dorfplätzen am Niederrhein.

Dass diese beiden unterschiedlichen Charaktere eines Tages mal sportlich aufeinandertreffen würden, war zum damaligen Zeitpunkt in etwa so wahrscheinlich, als ob ein gewisser Donald Trump US-Präsident werden würde. Eigentlich völlig abwegig. Aber tatsächlich ist eines von diesen beiden Szenarien schon eingetreten. Das andere folgt an diesem Dienstag, wenn Guardiolas jetziger Club, der englische Spitzenverein Manchester City, den italienischen Vertreter Atalanta Bergamo im Etihad Stadium empfängt – mit Robin Gosens als Linksverteidiger.

BVB-Probetraining misslingt

Eine Geschichte, dessen Handlung sich wohl kein Autor besser hätte ausdenken können. Denn eigentlich hatte der gebürtige Emmericher schon mit einer Laufbahn als Profi-Fußballer abgeschlossen und stattdessen eine Karriere bei der Polizei ins Auge gefasst. „Ich spielte damals beim VfL Rhede, erste Leistungsklasse Niederrhein. Ordentliches Niveau, aber im Endeffekt besserer Bauernfußball. Bei uns in Rhede machten wir zu Trainingsbeginn ein Eck auf, alberten ein bisschen rum, dann gab es Schusstraining, dann ein Spielchen, und danach ging es auch schon wieder ab nach Hause“, erzählte Gosens im Interview mit dem Magazin „11 Freunde“.

In der U 19 erhielt er unverhofft die Chance, sich bei Borussia Dortmund vorzustellen. Doch das Probetraining wurde zum Reinfall. Gosens war seinen Altersgenossen meilenweit unterlegen. „Ich wurde überrannt. Ich habe mich die ganze Zeit hilflos umgeguckt und hatte keinen Schimmer, wo ich hinlaufen soll“, sagte der heute 25-Jährige. „In meiner Dorftruppe in Rhede war ich ein kleiner Star, aber dort, in Dortmund, war ich ein Niemand.“

Also ging es zurück an den Niederrhein, zurück ins gewohnte Leben mit durchzechten Wochenenden mit den Freunden und Mannschaftskollegen. Selbst vor Spielen ließen es Gosens und Co. in der Dorfdisco „Blues“ ordentlich krachen – gerne auch mal bis kurz vor dem Treffpunkt am Spieltag: „Eigentlich erstaunlich, dass wir das durchgestanden haben.“

So auch vor einem Ligaspiel in Kleve, aber trotz Schlafmangel und Restalkohol im Blut lieferte Gosens eine starke Partie ab. Mit Folgen: „Aus heutiger Sicht ist das für mich fast unvorstellbar. Aber vom Anstoß weg habe ich die Sterne vom Himmel gespielt. Ich schoss ein Tor selber, ich bereitete weitere Tore vor, im Prinzip gelang mir alles. Direkt nach dem Spiel sprach mich dann ein Typ an. Er meinte, er sei ein Scout von Vitesse Arnheim und eigentlich wegen eines anderen Spielers gekommen. Jetzt wollte er aber lieber mit mir reden.“

Es war der Moment, in dem sich das Leben des „ganz normalen Bauern“, wie sich Gosens einmal selbst bezeichnete, für immer verändern sollte. Denn anders als in Dortmund fasste der Emmericher im Nachbarland direkt Fuß, arbeitete sich über die U 19 in die U 23 hoch und spielte sich in das Blickfeld des Arnheimer Cheftrainers Peter Bosz. Der heutige Trainer von Bayer Leverkusen nahm das ehemalige Feierbiest mit ins Trainingslager nach Abu Dhabi und schulte ihn dort vom Mittelfeldspieler zum Linksverteidiger um. „Ich habe mich selber nie als Außenverteidiger gesehen, aber er meinte, ich würde alles mitbringen, um ein moderner Außenverteidiger zu sein“, verriet Gosens dem „Kicker“.

Es hätte nicht viel gefehlt und Gosens würde heute auch im deutschen Oberhaus spielen. Schalke 04 hatte im Sommer verstärktes Interesse an einer Verpflichtung des Linksfußes. Doch Bergamo, wo Gosens nach weiteren Stationen in Dordrecht und Almelo seit 2017 spielt, wollte seinen Leistungsträger nicht ziehen lassen.

Kein Wunder. Denn unter Trainer Gian Piero Gasperini entwickelte sich der 1,84 Meter große Außenverteidiger zu einem Spieler von internationalen Format. In Gasperinis favorisiertem 3-5-2-System nimmt er die Rolle des offensiv-ausgerichteten Linksverteidigers ein. Mit diesem sehr mutigen Spielstil stürmte „La Dea“ (die Göttin), wie das Team von seinen Anhängern genannt wird, in der vergangenen Saison sensationell auf Platz vier und damit direkt in die Gruppenphase der Champions League.

Ein Top-Torschütze

Auch in dieser Spielzeit geht der Erfolgsweg bislang weiter. In der Serie A belegt Atlanta aktuell Rang drei – auch dank Gosens, der mit drei Treffern in sieben Einsätzen zu Bergamos Top-Torschützen zählt. Da verwundert es schon ein wenig, dass sich Bundestrainer Jogi Löw bisher noch nicht die Handynummer des 25-Jährigen besorgt hat, zumal die Nationalmannschaft nicht gerade über ein Überangebot an guten Linksverteidigern verfügt.

Gosens trägt es mit Fassung. „Ich würde mich freuen, wenn er sich mal das eine oder andere Spiel von mir genehmigt“, sagte er. Vielleicht ist es ja beim Spiel gegen City soweit. Es wäre auf jeden Fall wahrscheinlicher als sein Weg in den Profi-Fußball.

Der Autor dieses Beitrags, Maximilian Lonn, ist Volontär bei der „Westdeutschen Zeitung“ Düsseldorf, die Mitglied der „G14plus“ ist: Eine bundesweite Kooperation von Sportredaktionen, die gegenseitig Beiträge austauschen. Auch diese Zeitung gehört zur „G14plus“.

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