Fußball

Sport-Sensationen (Teil 2) Am 2. Mai 2016 gelingt dem krassen Außenseiter Leicester City der Meister-Coup in der englischen Premier League

Ekstase in Jamie Vardys Wohnzimmer

Archivartikel

Leicester.In ihrer 56-jährigen Geschichte ist in der englischen Variante der „Sportschau“, der BBC-Sendung „Match of the Day“ viel passiert. Dass ein Moderator die Zuschauer aber mal nur in Unterhose begrüßen würde, war unvorstellbar. Und doch ist es vor vier Jahren passiert. Schuld daran war der Leicester City FC, der in der Saison 2015/16 so einiges Unvorstellbares ermöglichte. Die Foxes sorgten mit ihren Meistertitel für die größte Überraschung in der Historie der Premier League.

Nach einem 2:2 zwischen Tottenham und Chelsea am 2. Mai 2016 war die unwahrscheinliche Geschichte wahr geworden. Leicester hatte am Tag zuvor 1:1 beim Manchester United gespielt und war nun, zwei Spieltage vor Saisonende, nicht mehr einzuholen. Die Spieler feierten im Wohnzimmer von Jamie Vardy. Der Stürmer hatte die Mitspieler eingeladen, sich zusammen das Spiel des Konkurrenten (es war ein Montagsspiel) anzuschauen. Christian Fuchs drehte ein Handy-Video und stellte es auf Twitter. Die Spieler lagen sich grölend in den Armen und hüpften ekstatisch über Vardys Auslegeware. Der Leicester City Football Club – ein Traditionsverein, der stets unscheinbar geblieben war – war 132 Jahre nach seiner Gründung erstmals englischer Meister.

Gary Lineker, der in Leicester geboren wurde und viele Jahre für den Club spielte, war in seiner großen Karriere sicher um einige Dinge verlegen, aber nie um Worte. Doch bei dieser Geschichte musste selbst der Ex-Nationalstürmer, der inzwischen als Moderator von „Match of the Day“ arbeitet, kapitulieren: „Es ist nicht in Worte zu fassen“, sagte er mit ungläubigem Blick in die Kamera. Und dann versuchter er es doch: „Es gibt nichts in der Geschichte des Sports, das diesen Erfolg übertrifft.“

Nun, Superlative sind im Sport schnell ausgesprochen. Aber eine Disney-reife Cinderella-Story ist Leicesters Titelgewinn allemal. Für einen Pfund Einsatz zahlten die Buchmacher 5000, wenn man vor der Saison auf den Titelgewinn der Foxes gesetzt hatte. Leicester war erst zwei Jahre zuvor wieder in die Premier League aufgestiegen und im ersten Jahr wären sie um ein Haar gleich wieder abgestiegen. Nach 30 Spieltagen waren sie abgeschlagen Letzter. Erst sieben Siege und ein Unentschieden aus den letzten acht Spielen sicherten den Klassenerhalt.

In die Saison 2015/16 ging Leicester als sicherer Abstiegskandidat. Doch am 13. Spieltag, nach einem 3:0-Sieg in Newcastle, waren die Foxes Tabellenführer. In England kursierte damals ein Witz: „Leicester an der Tabellenspitze ist wie ein Elefant auf einem Baum: Keiner weiß, wie er da hingekommen ist. Aber jeder weiß, dass er bald runterfallen wird.“

Pikantes Versprechen

Noch im Dezember ließ sich Leicester-Fan Lineker zu einem pikanten Versprechen hinreißen. Er werde seine Sendung nur mit einer Unterhose bekleidet moderieren, sollten die Foxes tatsächlich den Titel holen. Der Elefant, da war sich selbst ein eingefleischter Leicester-Fan wie Lineker sicher, würde fallen. Doch er fiel nicht. Und bald wurde auch klar, wie er sich in der Baumkrone hielt. Mit einer Mannschaft, die Trainer Claudio Ranieri brillant zusammengestellt hatte und in der zuvor unscheinbare Mittelklasse-Kicker zu Stars wurden. Mittelfeld-Maschine N’Golo Kanté, Dribbler Ryhad Mayrez, Torhüter Kasper Schmeichel – alles Entdeckungen jener unglaublichen Saison.

Und dann war da noch Jamie Vardy. Eine Sensation für sich. Der schmale Stürmer, damals 28 Jahre alt, hatte vier Jahre zuvor noch in der fünften Liga gespielt. In keinem Artikel über ihn wurde die Anekdote ausgelassen, wie er einst als Amateurspieler mehrfach vorzeitig ausgewechselt wurde, weil er nach einer Kneipenschlägerei für ein halbes Jahr per elektronischer Fußfessel unter Hausarrest stand und zeitig zu Hause sein musste. Dass er Profi werden würde – das war damals noch unwahrscheinlicher als die 5000:1-Quote für Leicesters Titelgewinn. Doch Wahrscheinlichkeiten interessierten in jener Saison nicht bei den Foxes. Vardy erzielte 24 Saisontore und wurde Spieler des Jahres in England.

„Wir haben gemeinsam geblüht“

Die Foxes bekamen die Trophäe am vorletzten Spieltag, nach einem 3:1-Sieg gegen Everton überreicht. Jetzt wurde nicht nur im Wohnzimmer von Jamie Vardy gefeiert, sondern in der ganzen Stadt. „Die ersten vier Wochen danach waren wir nur besoffen, weil wir eine Party nach der nächsten hatten. Um zu verstehen, was der Titel bedeutet, hat es erst mal Abstand gebraucht“, erzählte Robert Huth, der deutsche Innenverteidiger im Dienst von Leicester, in einem Interview mit „11 Freunde“ über jene verrückten Tage. Mit dem nötigen Abstand hat er später auch eine Antwort auf die Frage gefunden, wie die Sensation möglich wurde: „Wir haben gemeinsam geblüht. Fast alle Spieler hatten damals die beste Form ihres Lebens.“

Und Leicesters-Fan Gary Lineker bekam den Auftritt seines Lebens. Er wurde zum ersten Moderator von „Match of the Day“, der nur in Unterhose bekleidet vor die Kameras trat. Er tat es am ersten Spieltag der folgenden Saison, und er tat es stilecht: Seine weißen Boxershorts waren mit dem Vereinslogo von Leicester City verziert.

Davon lebt der Sport, das macht ihn so begeisternd: Von den großen Überraschungen, den Sensationen. Wenn der Außenseiter den Topfavoriten bezwingt. Wenn einer Meister wird, den niemand auf der Rechnung hatte. Wenn einer etwas total Verrücktes anstellt – und damit Erfolg hat. Davon handelt unsere Serie „Sport-Sensationen“.

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