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Fußball Bayern-Trainer Niko Kovac hat es bei der Analyse der Münchner Krisenlage mit den Bossen und den Spielern zu tun

Im Zentrum des Sturms

München.Anpacken, arbeiten, aufbäumen: Genau das ist jetzt die Aufgabe von Niko Kovac – aber in seiner ersten großen Krisenlage beim FC Bayern kann der Trainer kaum aktiv Einfluss nehmen. Die vielen Nationalspieler sind bis weit in die kommende Woche hinein weg. Im Training kann der Kroate nur mit einer Handvoll Profis um die Altstars Franck Ribéry und Arjen Robben an den Defiziten in Offensive und Defensive arbeiten. Und so muss Kovac Hilfe erbeten, etwa von Bundestrainer Joachim Löw: „Ich hoffe, dass die Spieler, die bei der Nationalmannschaft sind, dort einen freien Kopf bekommen und ein Erfolgserlebnis haben, um das mit nach München zu bringen.“

Erst nach seinem 47. Geburtstag Anfang kommender Woche kann sich Kovac („Ich arbeite gerne“) voll in die Krisenbewältigung stürzen. Vorab erhielt er von Präsident Uli Hoeneß auch nach der vierten sieglosen Partie weitere Rückenstärkung. „Ich werde Niko Kovac verteidigen bis aufs Blut“, kündigte Hoeneß im „Kicker“ an. „Bei uns herrscht die totale Ruhe“, sagte Hoeneß auch. Das geht als taktische Flunkerei durch. Ein Absturz auf Tabellenplatz sechs löst an der Säbener Straße normalerweise einen erhöhten Blutdruck aus.

100 Tage im Amt

Kovac steht im Zentrum des Münchner Herbststurms. Aber die Analyse der Krisenlage hat auch mit den Bossen und den Spielern zu tun. An diesem Dienstag ist Kovac 100 Tage im Amt. Bis zu Tag 85 lief alles wunderbar. Sieben Pflichtspiele, sieben Siege, der siebte Meistertitel am Stück schien wieder nur eine Frage des Punktevorsprungs auf den Zweiten. Dann kam der FC Augsburg, traute sich was in München, erkämpfte ein 1:1 – die Wende begann. Kovac tippt, dass die „Superlative“ von außen „im Unterbewusstsein alle im Club und drumherum“ ein wenig „eingelullt“ haben könnten.

Die Probleme des FC Bayern liegen tiefer, etwa in der Struktur und Bauweise eines Kaders, der seit Jahren von denselben Akteuren geprägt und dominiert wird. Diese stecken jedoch in älteren und teilweise auch verschlissenen Körpern. Die Bundesliga (Beispiel Dortmund) ist jünger und schneller geworden, die Bayern älter und langsamer.

Nach Jahren im Drei-Tage-Rhythmus zwischen Bundesliga, Champions League und Länderspielen scheinen langjährige Topkräfte auch im Kopf am Limit zu sein. Die personelle Kontinuität bekommt eine Kehrseite. Warum stürzte die Nationalelf bei der WM so krass ab? Joachim Löw hat selbst beim Neustart danach keinen radikalen Schnitt gewagt. Wer auf die Liste der ersten elf Pflichtspiele unter Kovac schaut, dem fällt auf, dass der Einbruch einsetzte, als Mitte September die Englischen Wochen mit sieben Spielen in 21 Tagen begannen. Der auch durch Verletzungen ausgedünnte Kader stößt an Grenzen.

Nur zwei Neue holte der Rekordmeister im Sommer – Leon Goretzka und Serge Gnabry. Der Kader hat Baumängel. Außenverteidiger sind rar. Als Back-up-Lösung für Robert Lewandowski (30) fungiert in Sandro Wagner ein noch ein Jahr älterer Angreifer anstelle eines jungen Angreifers mit Perspektive, der frech und forsch Druck ausübt.

Kovacs Rotation ist kein Fehler, aber die Ausübung in Teilen fragwürdig. Lewandowski riss er aus dem anfänglichen Torlauf. Der ständige Wechsel auf einer Schlüsselposition wie der Sechs vor der Abwehr mit so gegensätzlichen Mittelfeldakteuren wie Javi Martínez (wuchtiger Kämpfer) und Thiago (Künstler) beeinträchtigt die Statik des Spiels. „Du musst in der Bundesliga als Einheit auftreten, mit dem Ball und gegen den Ball“, sagte Kovac nach dem 0:3 gegen Gladbach. Krasse Umstellungen beeinträchtigen das Einheitsgefühl.

Kovac hat zwei große Mankos ausgemacht, individuelle Fehler vor Gegentoren und eine geringe Torausbeute. Dazu komme, wenn es mal nicht so läuft, eine menschliche Komponente. „Dann fängt der Kopf an zu streiken“, sagte der Kroate, der nach dem Gladbach-Spiel versicherte: „Ich bin nicht ratlos, weil ich weiß, warum es passiert ist.“ Wer weiß, woran es liegt, kann die Mängel auch beheben.

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