Fußball

Fußball Hamburger SV muss im zweiten Jahr in der 2. Liga den Gürtel enger schnallen – die Sorge vor einem weiteren Absturz wächst

Kaiserslautern lässt grüßen

Hamburg.Nach dem sportlichen Fiasko verkroch sich die Führungsriege des Hamburger SV und begann, den riesigen Scherbenhaufen zusammenzukehren. „Die letzten zwei Monate waren eine einzige Katastrophe“, hatte Sportvorstand Ralf Becker nach der 1:4-Pleite beim SC Paderborn trefflich gestanden. Weder er noch andere Verantwortungsträger hatten sich in ihren schlimmsten Träumen ein weiteres Jahr 2. Fußball-Liga vorstellen können. Aber die Realität ist brutal. Von Strahlkraft ist beim einstigen Europapokalsieger nichts mehr zu sehen.

Es war wieder der 12. Mai, der alle Hoffnungen der Hanseaten jäh zerstörte. Wie vor einem Jahr, als der erste Abstieg aus der 1. Liga an jenem Tag besiegelt wurde. „Was für ein Desaster“, postete Ex-Profi, -Trainer und -Manager Felix Magath. „Ein Abstieg kann ja heilsam sein. Man denkt, irgendwann wachen sie mal auf. Aber sie präsentieren sich noch schlechter als in der Bundesliga“, schimpfte der frühere HSV-Torwart Uli Stein bei „Sky 90“. Und legte noch einmal nach: „Eigentlich hat es der Verein nicht mehr anders verdient.“

Warum musste Titz gehen?

Die Hamburger müssen sich erneut neu aufstellen, das Gesicht der Mannschaft radikal verändern und endlich loskommen vom langen Schatten der großen Vergangenheit. Die blinkenden Pokale, die vor mehr als 30 Jahren eingeheimst wurden, erweisen sich seither als traumatischer Maßstab. Der HSV heute hat mehr mit Sandhausen und Erzgebirge Aue gemein als mit Borussia Dortmund oder RB Leipzig.

Die meistgestellte Frage: Wer wird neuer Trainer? Was Becker und Vorstandschef Bernd Hoffmann partout nicht wollten, wird sich nicht mehr vermeiden lassen. Der ehrgeizige, aber nur mäßig erfahrene Hannes Wolf wird seinen Stuhl im Volksparkstadion räumen müssen. Er ist gescheitert an der Mission Aufstieg, die ihm im vergangenen Oktober als Nachfolger von Christian Titz auferlegt worden war. Gründe, warum er seinen bis Sommer 2020 laufenden Vertrag erfüllen sollte, haben sich in Luft aufgelöst. Wolfs mitunter verzweifelten Versuche, mit wechselnden Formationen und Aufstellungen zu reüssieren, blieben erfolglos. Sein Anspruch, jeden Spieler besser machen zu wollen, blieb eine Worthülse. Die katastrophale Rückrunde mit abstiegsreifen 16 Pünktchen war Ausdruck der um sich greifenden psychischen Instabilität einer jungen, vielleicht zu jungen Mannschaft. Es fehlen Leader, Wortführer, die bei Gegenwind den Kurs halten. „Ein, zwei Verletzungen, drei, vier Formtiefs: Fakt ist, wir haben als Mannschaft nicht mehr funktioniert“, gab Wolf (Punkteschnitt: 1,52) zu Protokoll. Viele Beobachter fragen: Warum musste Titz (1,80) eigentlich gehen?

14 Millionen Euro weniger

Zudem wirft die Zusammenstellung des Kaders Fragen auf. Dafür muss sich auch Sportvorstand Becker rechtfertigen. Für alle und alles kann er nichts. Schließlich plagt er sich mit Altlasten herum. Probleme bei der Ballannahme, beim Passspiel über 20 Meter, im 1:1-Spiel oder beim Flanken lassen nicht selten die Qualitätsfrage bei einigen Profis aufkommen. Vermeintliche Leistungsträger wie Vizekapitän Gotoku Sakai, Ex-Nationalspieler Lewis Holtby und Fehlverpflichtung Hee-Chan Hwang sowie der unter dem Druck der Popularität zusammengebrochene Fiete Arp stehen sinnbildlich für den Absturz des HSV.

Jetzt schnallt Hoffmann den Gürtel enger. Er wollte mit dem Aufstieg eine schnellere Gesundung des mit rund 85 Millionen Euro verschuldeten Vereins forcieren. Vorbei! Stattdessen wird der 29-Millionen-Etat runtergeschraubt werden müssen. Die TV-Vermarktung wirft rund 14 Millionen Euro weniger ab, der Hauptsponsor springt vielleicht ab – für die Verpflichtung gestandener Profis fehlt es an Geld.

Wenn der Katzenjammer verflogen ist, wird sich die sachliche Betrachtungsweise von Becker durchsetzen: „Das Ziel ist ganz klar, im nächsten Jahr aufzusteigen.“ Es gibt aber genug Beispiele, dass Mannschaften noch tiefer stürzten. Kaiserslautern lässt schön grüßen.