Fußball

Nachbericht Der deutsche Trainer bezwingt seinen vermeintlichen Final-Fluch und hofft darauf, mit den Reds eine Ära zu begründen

Klopp beseitigt alle Zweifel

Archivartikel

Liverpool/Madrid.Stolz präsentierten Jürgen Klopp und Kapitän Jordan Henderson schon auf dem John-Lennon-Airport den Silberpokal. Auf der Triumphfahrt durch Liverpool schien fast die gesamte Stadt auf den Beinen, um die Champions-League-Sieger zu feiern. Auf dem offenen roten Bus, den vorn und an den Seiten der Schriftzug „Champions of Europe“ zierte, zeigte sich Klopp am Tag nach dem 2:0 (1:0)-Finalsieg über Tottenham Hotspur mit der so ersehnten Trophäe, immer wieder umnebelt von roten Rauchschwaden. Ein paar Tränen in die Augen trieb ihm nach eigenen Worten aber die Leidenschaft der Fans.

Laut Angaben von Bürgermeister Joe Anderson bereiteten geschätzt mehr als 500 000 Anhänger ihren Idolen einen begeisterten Empfang. Zehntausende, viele von ihnen in roten Trikots, bildeten ein Spalier an der kilometerlangen Route vom Flughafen ins Zentrum, wo schon den Tag über zahlreiche Fans warteten. „Es ist ein unglaubliches Gefühl, es ist groß, man kann es nicht wirklich beschreiben“, sagte Klopp auf dem Bus, wo er in lockerer Pose und mit einer Flasche Bier zu sehen war. Er sei wirklich glücklich, aber habe auch „ein kleines bisschen geweint, weil es so überwältigend ist“. Man sehe den Augen der Menschen, wie viel ihnen der Champions-League-Sieg ihrer Mannschaft bedeute: „Das ist berührend.“

Party mit Campino

Klopp hatte schon am frühen Morgen nach dem Champions-League-Endspiel wieder zusammen mit seinem Freund Campino von der Rockband „Die Toten Hosen“ und einer Menge anderer Fans des FC Liverpool gesungen. Der große Unterschied zu dem mittlerweile berühmten Video von 2018 war nur: Diesmal hielt Klopp schon dabei die begehrteste Trophäe des Vereinsfußballs in der Hand. Im dritten Anlauf hat der deutsche Trainer zum ersten Mal die Champions League gewonnen.

„Das ist die beste Nacht meines Berufslebens“, sagte Klopp noch im Stadion von Madrid. Für ihn persönlich und auch für das vom ihm nach seinen Überzeugungen geformte Team war der Finalsieg gegen Tottenham die Krönung einer herausragenden, aber bislang eben noch unvollendeten Entwicklung.

Zwei vergleichbare Endspiele hatte der FC Liverpool zuvor verloren. Nach dem 1:3 gegen Real Madrid vor einem Jahr war das erste, von Trotz geprägte Video mit Campino überhaupt entstanden. Auch in der englischen Meisterschaft wurden die Reds mit unglaublichen 97 Punkten zuletzt nur Zweiter hinter Manchester City. Jetzt ist der lang ersehnte Titel endlich da.

„Ohne diesen Trainer wäre das unmöglich gewesen“, sagte Jordan Henderson. Der stolze Kapitän des FC Liverpool, der in den Armen von Jürgen Klopp weint wie ein kleines Kind: Auch das ist eines der Bilder dieses Triumphs. Ein anderes ist, wie alle Stars des neuen Champions-League-Siegers ihren Trainer vor mehr als 15 000 feiernden Liverpool-Fans in die Luft werfen. „Ich denke, wir haben das mehr verdient als jedes andere Team“, meinte Trent Alexander-Arnold. Und: „Er hat einen solchen Zusammenhalt in der Kabine geschaffen. Alles Lob geht an diesen Coach“, sagte Henderson noch einmal über Klopp.

Der 51-Jährige selbst hat es immer von sich gewiesen, dass es in diesem Endspiel auch um seinen persönlichen Triumph ging. Es hat ihn aber auch genervt, dass die sechs Endspiel-Niederlagen mit Borussia Dortmund und dem LFC seine Wahrnehmung als Trainer viel mehr geprägt haben, als das nach einem Bundesliga-Aufstieg mit Mainz 05 und zwei deutschen Meisterschaften mit dem BVB eigentlich angemessen gewesen wäre. Dass er nicht nur große Mannschaften aufbauen, sondern auch große Spiele gewinnen kann: Das zweifelt jetzt niemand mehr an.

In der Nacht nach den beiden Toren von Mohamed Salah (2./Handelfmeter) und Divock Origi (87.) besetzte der König von Liverpool dann auch gleich mehrere Rollen. Eine seiner besten ist immer noch die des Entertainers, also sang Klopp in Madrid nicht nur mit Campino, sondern auch in einem Interview des früheren Bundesliga-Stürmers Jan Age Fjörtoft. Sein Text lautete: „Let’s talk about six, Baby!“ und war in leichter Abwandlung eines 90er-Jahre-Hits auf den insgesamt sechsten Erfolg seines Vereins in Europas Fußball-Königsklasse gemünzt. Klopp gab dazu aber noch den fairen Sportsmann („Ich weiß vielleicht besser als jeder andere, wie Tottenham sich jetzt fühlt“), den nachdenklichen Genießer und auch weiter den ehrgeizigen Entwickler.

„Ich hatte gerade Pep Guardiola am Telefon“, sagte Klopp am Samstagabend über den Trainer des großen Rivalen Manchester City. „Wir haben uns versprochen, uns auch nächste Saison wieder gegenseitig in den Hintern zu treten.“ dpa

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