Fußball

Fußball Vor dem Spiel gegen Hoffenheim spricht Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider über Fanproteste und die sportliche Krise

„Nicht in Unruhe verfallen“

Archivartikel

Gelsenkirchen.Schalke 04 steht vor dem Heimspiel gegen Hoffenheim an diesem Samstag (15.30 Uhr) nach unter Zugzwang. Schalke ist seit sechs Bundesligaspielen ohne Sieg und holte in der Rückrunde erst sechs Punkte. Ähnlich unbefriedigend ist die Ausbeute der Hoffenheimer mit nur einem Zähler mehr. Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider spricht von einer „Delle“, insgesamt beurteilt er die Entwicklung des Clubs aber positiv.

Herr Schneider, jetzt müssen wir erstmal über die aktuellen Vorgänge in den Stadien reden. Sie haben ein ganz starkes Zeichen gesetzt mit der Ankündigung gegenüber den Fans, bei Überschreiten der „roten Linie“ sofort Konsequenzen zu ziehen.

Jochen Schneider: Das ist ein sehr komplexes Thema. Es geht um ein grundsätzliches Verständnis, wie wir miteinander umgehen und wie wir miteinander kommunizieren. Es ist klar, dass unser Zusammenleben geregelt sein muss. Dafür haben wir uns Gesetze, Regeln und Ordnungen gegeben, die es zu respektieren gilt. Nur so kann unser Zusammenleben funktionieren. In unserer Gesellschaft und damit auch in unseren Fußballstadien. Hier möchte ich bei uns keine italienischen oder englischen Verhältnisse haben: In Italien getrauen sich zum Teil Familien nicht mehr in die Stadien, und in England wurden vor langer Zeit die Stehplätze abgeschafft. Wir können in Deutschland stolz auf unsere Stehplatzkultur sein, und die müssen wir uns erhalten.

Läuft denn die aktuelle Diskussion in die richtige Richtung? Die Pamphlete gegen Dietmar Hopp sind doch wohl eine Projektionsfläche der Fans: Gegen Kollektivstrafen.

Schneider: Kollektivstrafen können nicht die Lösung sein. Nur war ich inhaltlich nicht tief genug in diesen Prozess involviert, weil es ist nicht das Feld, das ich beackere und wo ich zu 100 Prozent Experte bin. Von daher reden wir schnell von Halbwissen, was immer gefährlich ist.

Hätte denn der DFB nicht viel früher eingreifen müssen und sanktionieren müssen?

Schneider: Ja, aber ich habe auch gelernt, dass uns der Rückwärtsheuler nicht weiterbringt. Die Frage ist doch jetzt: Was geben wir unseren Kindern, der nächsten Generation mit auf den Weg. Soll das für sechs- oder achtjährige Kinder normal sein, dass man von ‚Hurensöhnen‘ spricht? Ist das Konterfei im Fadenkreuz normal? Das kann doch nicht unser Ernst sein. Abgesehen von dem Bild, das wir ins Ausland senden, was hier bei uns los ist.

Kommen wir zum Sportlichen, zu Schalke: Sie erleben wieder turbulente Zeiten. Die Ergebniskrise vor dem Spiel an diesem Samstag gegen die TSG Hoffenheim zeigt auf: Ein Sieg aus sechs Spielen . . .

Schneider: Das ist richtig, aber Ihr Fehler ist: Sie denken zu kurzfristig.

. . . weil?

Schneider: Journalisten denken häufig von Spiel zu Spiel. Das ist auch durchaus legitim. Wir denken in einem anderen Zeitraum. Wir wissen, wo wir herkommen, als wir am 1. Juli angefangen haben. Was wir gemeinsam in den ersten acht Monaten entwickelt haben, ist für mich total in Ordnung. Wir befinden uns auf einem guten Weg in der Art und Weise, wie wir Fußball spielen, wie wir zusammenarbeiten und wie wir unsere Visionen entfalten. Das, was jetzt passiert, ist ganz normal, das passiert jeder Mannschaft.

Aber nach der famosen Hinrunde lassen sich doch nicht die Erwartungen eliminieren.

Schneider: Stimmt. Aber wir können diese Erwartungen realistisch einschätzen. Dass Schalke 04 ein extrem emotionaler Club ist, das wusste ich auch schon vorher, und das gehört auch zu unserem Club. Wir bleiben ruhig und ordnen das richtig ein.

Nun stehen aber auch die vielen Unentschieden – die meisten der Liga zu Buche. Ist das ein Zeichen für den aktuellen Zustand: Nicht hopp, nicht topp?

Schneider: Nein. Das ist Zeichen dafür, dass es David Wagner gelungen ist, eine Mannschaft zu entwickeln, die schwer zu besiegen ist. Andererseits haben wir uns aber auch in den bisherigen Spielen das ein oder andere Mal schwergetan, diese ganz engen Spiele für uns zu entscheiden. Das ist auch Teil der Wahrheit, und daran arbeiten wir.

Dieser, nennen wir es ‚Durchhänger‘, ist auch dem Fachkräftemangel geschuldet. Sechs verletzte Leistungsträger: Kann man als Verantwortlicher dem entgegenwirken?

Schneider: Nein. Es kommt in jeder Saison vor, dass Spieler verletzt ausfallen. (...) Es wäre fatal und geradezu dämlich, aus dieser Situation heraus in Unruhe zu verfallen und Grundsätzliches in Frage zu stellen.

Man hatte trotzdem den Eindruck, dass in Spielen wie gegen Hertha (0:0), Mainz (0:0), Paderborn (1:1), Köln (0:3) das Wagner’sche System dechiffriert wurde nach der Hinrunde, und dass die Mannschaft nicht richtig weiterkommt und auch vom Einsatz her nicht zeigt, was sie im Pokal zeigen konnte. Deshalb: Müsste man nicht auch über den Trainer reden?

Schneider: Diese Frage ist für mich geradezu albern. Dann könnten wir das Buch, in dem wir schon einige gute Kapitel geschrieben haben, gleich zumachen. Klar haben sich die Gegner besser auf uns eingestellt. Da muss man aber auch in die Analyse der einzelnen Spiele gehen.

Jürgen Beckgerd ist Sportredakteur bei den „Westfälischen Nachrichten/Münstersche Zeitung“, die Mitglied der „G14plus“ ist: Eine bundesweite Kooperation von Sportredaktionen, die Beiträge austauschen. Auch diese Redaktion gehört zur „G14plus“.