Fußball

Hintergrund Hat der Fußball nach den Debatten um Mesut Özil seine Integrationskraft eingebüßt? Eine Spurensuche

Nur die Leistung entscheidet

Archivartikel

Hannover.Im Schatten des FC Bayern dreht seit ein paar Monaten noch ein anderer Münchner Verein ein großes Rad. Zweimal nacheinander ist Türkgücü München von der Landes- in die Regionalliga aufgestiegen. Mit lauter namhaften Verstärkungen soll es in Zukunft noch bis in die 2. Fußball-Bundesliga hochgehen. In diesem Sommer holte Türkgücü unter anderen den ehemaligen Zweitliga-Trainer Rainer Maurer sowie die früheren Zweitliga-Spieler Karl-Heinz Lappe und Mario Erb. Für einen Verein, dessen Name wörtlich übersetzt „Türkische Macht“ bedeutet, spielen jetzt insgesamt 17 Spieler, die Karl-Heinz, Mario, Benedikt oder Patrick heißen.

Natürlich ist die Geschichte von Türkgücü München in erster Linie eine Geschichte über hohe sportliche Ziele. „Entscheidend ist für uns die Qualität und die Mentalität der Spieler. Nicht die Herkunft“, sagt der Geschäftsführer Robert Hettich.

Trotzdem leistet Türkgücü aktuell auch einen ziemlich spektakulären Beitrag zu einer Debatte, die der Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft vor genau einem Jahr ausgelöst hatte. Es geht um die Frage: Wie groß ist die Integrationskraft des Fußballs?

Kritische Worte

„In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Migrant, wenn wir verlieren“, schrieb der Profi des FC Arsenal am 22. Juli 2018. Özil hatte in den Wochen zuvor auf einem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan posiert und war in Deutschland rassistisch angefeindet worden. Das Ende seiner Nationalmannschaftskarriere und die Vorwürfe gegen den damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel aber nannte vor einem Jahr nicht nur Mehmet Matur einen „Schock für meine Integrationsarbeit“. Denn der Integrationsbeauftragte des Berliner Fußball-Verbandes wusste genau: Mesut Özil ist als deutscher Weltmeister mit türkischen Wurzeln die perfekte „Identifikationsfigur“ für dieses Thema.

Ein Jahr danach ist die Deutsche Presse-Agentur der Frage nachgegangen, ob der „Fall Özil“ an der Basis tatsächlich so gravierende Folgen hatte, wie das im Sommer 2018 befürchtet wurde. Die dpa hat sich bei Vereinen wie Türkgücü München und Türkiyemspor Berlin umgehört, an Özils früherer Schule in Gelsenkirchen und auch bei Jugendtrainern und Funktionären des Deutschen Fußball-Bunds.

Alle sagen im Kern das gleiche wie Robert Hettich: „Wir haben bei uns keine Auswirkungen gespürt.“ Über Fußball und Integration wird aber trotzdem weiter diskutiert. So fordert Mehmet Matur, „Herkunft, Kultur und Nationalität nicht mehr ständig zu betonen“. Und dann gibt es Experten, die gerade Türkgücü für eine starke Antwort auf den Fall Özil halten. Immer mehr „Deutsche“, die zu einem „türkischen“ Club gehen? „Das ist das beste Beispiel für Integration, das man sich vorstellen kann“, sagt der für Sozial- und Gesellschaftspolitik zuständige DFB-Vizepräsident Eugen Gehlenborg.

Ein Sportmentor hilft

An Özils früherer Schule wurde bereits vor Jahren die Stelle eines Sportmentors geschaffen. Thomas Kaiser dient an der Gesamtschule Berger Feld jenen Schülern als Vertrauensperson, die vor allem bei Schalke 04 in der Jugend spielen und genau wie ihre Vorgänger Manuel Neuer, Leroy Sané und Özil einmal Fußballprofis werden wollen. Kaiser erzählt vom Beispiel Ahmet Kutucu, „der gerade sein Abitur bei uns bestanden hat und gleichzeitig Profi bei Schalke 04 geworden ist“. Der habe den gleichen Lebensweg wie ein Mesut Özil, beide Väter stammen sogar aus demselben Kohleabbau-Gebiet in der Türkei.

Welchen Einfluss der Fall Özil auf den 19-jährigen Kutucu gehabt habe? „Keinen. Das hat ihn nicht berührt“, erklärt Kaiser. „Der Fokus dieser Jungs ist: Ich will Fußballprofi werden. Dafür tue ich alles – und eine ganze Menge wiederum auch nicht: Ich klemme mir meine Jugend ab und ich nehme quasi kaum am gesellschaftlichen Leben teil.“

Was der Sportmentor damit sagen will: Faktoren wie Nationalität und Herkunft werden seiner Meinung nach in vielen Debatten überschätzt. „Auf dem Platz ist keiner Türke, Russe oder Deutscher. Da ist er Sechser, Stürmer oder Torwart“, sagt Kaiser. „Auch die Vorbilder sind nicht automatisch Türken, Russen oder Deutsche. Sondern Neymar, Messi oder Ronaldo. Die können so viel Scheiße bauen, wie sie wollen.“

Türkgücü München hat derweil am Samstag auch sein zweites Spiel in der neuen Regionalliga-Saison gewonnen: 3:1 gegen Ex-Zweitligist Viktoria Aschaffenburg, der Doppel-Aufsteiger ist schon wieder Tabellenführer. Türkgücü München hat im Sommer aber nicht nur fleißig Spieler geholt, sondern auch ein neues Vereinslogo kreiert. Das besteht je zur Hälfte aus der türkischen und der bayerischen Fahne.