Fußball

Fußball Nilla Fischer ist mehr als nur eine Top-Sportlerin / Gegen Deutschland trifft sie auf ihre alte Zimmergenossin Almuth Schult

Regenbogen als Vermächtnis

Archivartikel

Rennes.Nilla Fischer hat beim VfL Wolfsburg einen Regenbogen hinterlassen – ein bleibendes Vermächtnis. Die Schwedin verließ den Verein nach sechs überaus erfolgreichen Jahren. Als sie dort vor rund zwei Jahren beschloss, mit einer Kapitänsbinde in den Regenbogenfarben aufzulaufen, hatte das Folgen: Seit August 2018 tragen die Spielführerinnen und Spielführer der VfL-Mannschaften aller Altersklassen eine solche Binde – „ein klar sichtbares Zeichen gegen Ausgrenzung und für Vielfalt im Fußball“, wie der Verein erklärte.

Am Samstag kommt es bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich für Fischer zum Wiedersehen mit vielen früheren Wegbegleiterinnen. Im Viertelfinale wartet auf die Schwedinnen in Rennes (18.30 Uhr/ARD) Angstgegner Deutschland. Für die 34-Jährige ist es eine der letzten Möglichkeiten, ihre Karriere in der Nationalmannschaft doch noch mit einem Titel zu krönen.

Offene Lebensweise

Die deutsche Torhüterin Almuth Schult, mit der Fischer in Wolfsburg auf Reisen ein Zimmer teilte und auch während der WM einen intensiven Austausch pflegt, hat natürlich etwas dagegen. „Sie ist eine der besten Verteidigerinnen der Welt“, lobte Schult am Donnerstag, aber: „Ich denke nur an den Sieg. Dafür sind wir hier.“

Es sei immer ein außergewöhnliches Spiel gegen Schweden. „Aber für mich ist es etwas ganz Besonderes durch die Beziehung zu Nilla Fischer“, sagte Schult. Durch ihre ehemalige Teamkollegin habe sie „das schwedische Völkchen kennengelernt und lieben gelernt“, sagte sie. Während des Turniers schickten sich beide immer wieder Textnachrichten. Und nach der WM wolle sie Fischer in Schweden auch mal besuchen.

Ihre Schwerpunkte verschiebt Fischer schon jetzt – vom Sportlichen zunehmend zum Privaten. So waren familiäre Gründe ausschlaggebend, dass sie in Wolfsburg eine Klausel zum Ausstieg aus dem bis 2020 laufenden Vertrag zog und sich dem schwedischen Erstligisten Linköpings FC anschloss. Mit Ehefrau Maria-Michaela und dem eineinhalb Jahre alten gemeinsamen Sohn Neo bezieht sie dort ein Haus mitten in der Natur.

„Komisches Wiedersehen“

„Ich habe sonst immer meine Entscheidungen als Fußballerin getroffen“, erklärte Fischer. „Dieses Mal habe ich mich aber als Mutter zu diesem Schritt entschlossen, weil es für uns wichtig ist, dass unser Sohn im familiären Umfeld aufwächst.“

Fischer steht offen zu ihrer Lebensweise. 2013 heiratete sie ihre Freundin. 2014 wurde sie in Schweden zur „Lesbischen Frau des Jahres“ gekürt. Auch bei den Themen Gleichberechtigung und Sexismus meldet sie sich immer wieder zu Wort. Die umstrittene Überschrift „Hässlicher Auftakt-Sieg dank unserer Hübschesten“ mit einem Bild von Torschützin Giulia Gwinn zum 1:0 der DFB-Frauen über China kommentierte sie auf Twitter mit den Worten: „Komm schon „Bild“-Zeitung, es ist 2019. Das macht mich wütend.“ Und nicht überall stößt Fischers Engagement auf Zustimmung. Der Wolfsburger Profi Josip Brekalo erklärte zur Regenbogenfahne: „Es widerspricht meiner christlichen Überzeugung.“ Ein spezielles Symbol für die Einstellung anderer Leute „muss und möchte ich nicht tragen“. Kürzlich wurde eine Fischer-Statue, die für den Zeitraum des Turniers vor dem Stadion in Linköping aufgestellt worden war, von Unbekannten beschädigt. Sogar Morddrohungen habe sie schon erhalten.

Mitte Mai bestritt die Schwedin ihr 189. und letztes Spiel für Wolfsburg. Sie wurde viermal deutsche Meisterin, fünfmal DFB-Pokalsiegerin und gewann 2014 die Champions League. Im Nationalteam dagegen gab es bei drei Olympia-Teilnahmen und drei Weltmeisterschaften noch keinen Titel. Um das zu ändern, muss in Fischers 180. Länderspiel am Samstag ein Sieg her – unter anderen gegen ihre früheren Wolfsburger Teamkolleginnen Lena Goeßling, Sara Doorsoun, Alexandra Popp und Torhüterin Almuth Schult. „Jeder Mensch, den ich in der Mannschaft getroffen habe, ist eine Freundin geworden“, sagte Fischer.