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Fußball Während der SC Freiburg einen beeindruckenden Punktgewinn feiert, wächst bei Dortmund die Kritik an Trainer Favre

Sich selbst ein Rätsel

Freiburg.Eines steht fest: Würde sich Christian Streich mal in Rhythmischer Sportgymnastik versuchen, er wäre absolut chancenlos. Wie der Trainer des SC Freiburg nach dem 2:2 gegen Borussia Dortmund auf den Platz hoppelte, hatte nichts von dem Filigranen an sich, mit dem seine Spieler den großen Gegner in einer fulminanten zweiten Halbzeit mehrfach überraschten. Dafür erinnerte nach Abpfiff Streichs Känguru-Jack-Gedächtnislauf zu seinen Spielern sehr wohl an die Einsatzfreude und den Kampfgeist seiner Kicker. 57 Prozent der Zweikämpfe entschieden die Freiburger für sich. „Diese Quote ist unglaublich“, sagte Streich. Sie spricht für die Überraschungsmannschaft dieser jungen Saison und gegen den sich selbst zum Titelanwärter erkorenen Club aus dem Pott.

Denn während die Freiburger geschickt und mutig in die Zweikämpfe gehen, zog der ein oder andere Borusse mal eben das Füßchen zurück oder ging dem körpernahen Duell gleich ganz aus dem Weg. Wenn dann auch die Kreativität schwächer wird, je näher man dem gegnerischen Strafraum kommt, dann nützen am Ende auch 63 Prozent Ballbesitz nichts mehr.

„Wir waren auf Augenhöhe mit Dortmund“, befand Streich. Der dienstälteste Trainer der Bundesliga war völlig aus dem Häuschen. „Die Leistung in der zweiten Halbzeit war herausragend und das Unentschieden hochverdient. Die Zuschauer waren begeistert, ich war es auch.“ An solchen Tagen ist der 54-Jährige gesprächiger als sonst. Er lobte Amir Abrashi für „Balleroberungen“, Janik Haberer für „geschicktes Zweikampfverhalten“ und Christian Günter für dessen „großartige Laufleistung“. Er lobte Luca Waldschmidt für „ein großes Pensum und Torgefahr“. Er lobte Nicolas Höfler, „der in der zweiten Halbzeit im Mittelfeld doch alles bestimmte“. Er adelte die drei Eingewechselten – Roland Sallai, Nils Petersen und Vincenzo Grifo, allesamt Offensive! – mit den Worten: „Sie haben dafür gesorgt, dass wir unentschieden spielen.“ Und jene, deren Namen Streich im Überschwang der Gefühle nicht über die Lippen kamen, waren im Pauschallob enthalten. „Wir alle haben uns das brutal erarbeitet, und das freut mich saumäßig.“

Der BVB ist sich hingegen gerade selbst ein Rätsel. In Freiburg verschenkten die Dortmunder zum dritten Mal in Serie einen Sieg in der Bundesliga und spielten wie zuvor schon gegen Frankfurt und Bremen trotz eigener Führung nur 2:2 – und die Führungsspieler um Kapitän Marco Reus können sich nicht so richtig erklären, warum eigentlich.

„Ich habe das Gefühl, dass selbst wenn wir in Führung gehen, uns das nicht so Vertrauen gibt, wie das normal bei uns der Fall ist“, analysierte Reus nach dem Remis im Breisgau. „Unsere Ballbesitzphasen sind in Ordnung, aber ohne jegliche Gefahr für den Gegner.“ Sein Fazit: „Da muss mehr von uns kommen, wenn man solche Ansprüche hat.“

Die selbstkritischen Worte des Nationalspielers dürften die seit zwei Wochen anhaltende Debatte um Mentalität, fehlende Cleverness und die Frage nach den Gründen weiter befeuern sowie die Kritik an Trainer Lucien Favre lauter werden lassen. In der Champions League gab es am Mittwoch zwar ein 2:0 gegen Prag, aber in der Liga sind die grundsätzlichen Probleme nicht gelöst und der Frust im Club über die verpassten Chancen nimmt zu. Dass der FC Bayern München (1:2 gegen Hoffenheim) patzte und der BVB trotzdem nicht nach Punkten gleichzog, nervte alle. Das war nach dem Ausgleich in der 90. Minute, als Freiburgs Vincenzo Grifo ein Eigentor von Manuel Akanji erzwang, zu spüren. (mit dpa)

Der Autor dieses Beitrags, Ralf Mittmann, ist Redakteur beim „Südkurier“, der Mitglied der „G14plus“ ist: Eine bundesweite lose Kooperation von Sportredaktionen, die gegenseitig Beiträge austauschen. Auch diese Zeitung gehört zur „G14plus“.