Fußball

Fußball Berlin fiebert dem ersten Stadt-Derby in der Bundesliga zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC entgegen

Spiel der großen Emotionen

Archivartikel

Berlin.Sportlich geht es um die Fußball-Vorherrschaft in der Hauptstadt, aber bei den Menschen in Berlin auch um ein Stück Identität. „Ich wurde, weil ich ja in West-Berlin aufgewachsen bin, fußballmäßig durch Hertha sozialisiert“, erklärte Günther Jauch, einer der bekanntesten TV-Gesichter des Landes, vor dem ersten Stadt-Derby 1. FC Union gegen Hertha BSC in der Bundesliga. Der noch in der DDR geborene Diskuswurf-Olympiasieger Robert Harting dagegen sagte deutlich: „Auf meiner Mütze steht: Berlin sieht rot!“ Mit diesem Motto geht der Aufsteiger aus Berlin-Köpenick in das pikante Duell gegen den etablierten Erstligisten aus Charlottenburg.

Natürlich prallen an diesem Samstag (18.30 Uhr) im nur 22 012 Zuschauer fassenden Stadion An der Alten Försterei, das zum Derby Rot gegen Blau-Weiß locker die fünffache Kapazität vertragen hätte, zwei völlig verschieden geprägte Fußball-Kulturen aufeinander.

Durch viele Widrigkeiten

Auf der einen Seite der 1966 als einer von zehn DDR-Fußballclubs gegründete 1. FC Union, der sich vor und nach der politischen Wende durch viele Widrigkeiten kämpfte und nun in der Beletage des wiedervereinten deutschen Fußballs angekommen ist. Gegenüber steht Bundesliga-Gründungsmitglied Hertha, schon 1930 und 1931 deutscher Meister, im eingemauerten Westberlin mehr Hoffnungsträger als Spitzenteam und heute mit neuen Investor-Millionen auf dem angestrebten Weg in die Top-Klasse.

„Seitdem es klar ist, dass es das Spiel gibt, werden wir immer wieder darauf hingewiesen, dass es ein wichtiges Spiel ist. Für unsere Fans ist es ein unglaublich wichtiges Spiel“, sagte Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic. „Wir spüren schon, was das Derby den Fans bedeutet“, bemerkte Union-Kapitän Christopher Trimmel. Auch wenn der Bosnier Ibisevic und der Österreicher Trimmel viele Derby-Hintergründe und Details höchstens aus Fan-Erzählungen kennen, ist allen klar: Es wird ein Spiel der großen Emotionen und Erwartungen. Erstmals seit dem Duell von Hertha und Tennis Borussia vor 42 Jahren treffen wieder zwei Berliner Clubs in der höchsten deutschen Fußball-Spielklasse aufeinander.

„Dieses Spiel ist eine Riesenmotivation“, sagte der 35 Jahre alte Hertha-Stürmer Ibisevic. „Wir wollen zeigen, dass wir die Nummer eins sind in der Stadt“, betonte Flügelspieler Maximilian Mittelstädt. Als 15-Jähriger war er zu Hertha gekommen: „Schon in der Jugend hatte das eine extrem hohe Bedeutung. Das wird ein sehr besonderes Spiel“, sagte Mittelstädt zur Rivalität 30 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Die Stadt ist weiter klar geteilt in die Union-Gebiete im Osten und die Hertha-Bezirke im Westen. Für die aktuellen Spielergenerationen und auch die jüngeren Fans spielt die Historie aber nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Profis wollen so ein herausragendes Spiel einfach nur gewinnen. „Das ist auf dem Niveau neu für Berlin. Da freut man sich, Teil eines solchen Derbys zu sein“, sagte Ibisevic. Die Fans, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs bis zum Vereinigungsspiel 1990 noch freundschaftlich verbunden, pflegen eine giftige Rivalität.

Auch der Ost-West-Aspekt ist zu einem Teil aufgelöst, wenn immer mehr Anhänger aus Spandau oder Zehlendorf händeringend Union-Tickets suchen. Oder Fans aus dem einstigen Ost-Berliner Umland ins Olympiastadion tingeln. Auch wenn Union-Präsident Dirk Zingler noch von „Fußball-Klassenkampf“ gesprochen hatte. dpa