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Fußball Lukas Podolski kostet jede Sekunde auf dem Platz voll aus, dabei hat seine erfolgreiche zweite Karriere längst begonnen

Stürmender Investor

Archivartikel

Mannheim.Jeder Trainer kann sich glücklich schätzen, einen schwer ausrechenbaren, antrittsschnellen Stürmer, der vor dem Tor nicht lange fackelt, in seinen Reihen zu haben. Der Ketscher Ulli Stielike hatte 2004 dieses Glück und setzte im zweiten Vorrundenspiel der U-21-EM in Mannheim auf einen unbekümmerten jungen Instinktfußballer. Der 18-Jährige hatte Pech, traf im Mannheimer Carl-Benz-Stadion gegen Schweden (1:2) nur die Latte und konnte das spätere Gruppen-Aus nicht verhindern. Dennoch sprang er wenige Tage später auf den EM-Zug auf und wurde in der A-Nationalmannschaft von Bundestrainer Rudi Völler ins kalte Wasser geworfen. Zwei EM-Endrunden in einem Sommer – kein Problem, wenn man Lukas Podolski heißt.

Viele seiner damaligen Weggefährten wie Waldhof-Ikone Hanno Balitsch, damals 23 und gegen Schweden auf der Bank, haben ihre Karriere beendet, auch spätere Nationalelf-Kollegen wie Marcell Jansen (29), André Schürrle (29) oder Benedikt Höwedes (32) haben schon vergleichsweise früh aufgehört. Ein übereiltes Karriereende ist für den inzwischen 35-jährigen Podolski, der seit Anfang 2020 in der Türkei für Antalyaspor auf Torejagd geht, aber keine Option. Sein letzter Arbeitsnachweis: An Heiligabend markierte er seinen dritten Saisontreffer gegen Rizespor (1:2).

Legendäre linke Klebe

Bei seiner Ankunft noch im Tabellenkeller, führte Podolski mit seiner Weltmeister-Attitüde die „Skorpione“ bis Saisonende auf Rang neun der Süper Lig. In dieser Zeit kassierte Antalyaspor nur eine Niederlage in 15 Ligaspielen. Der Spieler Podolski von 2020: Deutlich seltener werdende kraftvolle Antritte, dafür weitaus mehr Scharmützel mit Schiedsrichtern und Gegenspielern, aber immer noch das breiteste Grinsen und die fulminansteste linke Klebe auf dem Platz. Als hängender Stürmer lässt sich der 130-fache Nationalspieler gerne ins Mittelfeld fallen und hat noch immer das Gespür, den Mitspieler in Szene zu setzen.

In der neuen Saison hat sich Antalya wieder im Tabellenmittelfeld einsortiert, kämpft mit den neu verpflichteten ehemaligen Bundesliga-Altstars Nuri Sahin und Sidney Sam um den Anschluss ans obere Tabellendrittel. Zu viel Investitionen in gediegenes Personal scheinen einer Weiterentwicklung jedoch im Wege zu stehen. Für Kapitän Podolski, dessen Vertrag im Sommer 2021 endet – Verlängerung nicht ausgeschlossen – ist das kein Problem, und nicht mehr das Wichtigste im Leben. Der Familienmensch ist in Antalya (2,5 Millionen Einwohner) nicht mehr nur Spieler, sondern inzwischen auch Tourismus-Botschafter. Die Urlaubsregion ist bei vielen Deutschen sehr beliebt. „Die Türkei ist so etwas wie meine zweite Heimat geworden. Meine Familie fühlt sich einfach wohl“, berichtete der zweifache Familienvater jüngst im Podcast-Gespräch mit Toni Kroos.

Podolski hat sich auch neben dem Fußballplatz enorm weiterentwickelt. Vom einstigen Freund der kurzen Sätze, dem unterstellt wurde, die Nestwärme Kölns für sein Glück zu benötigen, hat sich Podolski zum erfolgreichen Geschäftsmann entwickelt, der sich in drei Fremdsprachen (Polnisch, Englisch, Türkisch) verständigen kann. Das Kölner Aushängeschild fühlte sich bei seinen Auslandsstationen in England, Japan und der Türkei pudelwohl, lernte dabei dank seiner offenen und herzlichen Art verschiedene Kulturen kennen und schätzen.

Umtriebig wie auf dem Platz hat sich Podolski ein kleines Imperium in Köln und Umgebung aufgebaut. Neben eigenem Modelabel, zahlreichen Dönerläden und drei Eisdielen eröffnete Podolski gerade eine Soccerhalle. „Seit vier Jahren läuft das Eis- und Dönergeschäft mega. Ich habe es von null aufgebaut und Spaß daran, es weiterzuentwickeln“, sagt Podolski, der je nach seinem Gusto als Investor, Gesellschafter oder Miteigentümer in Erscheinung tritt. Mit besonderem Eifer kümmert er sich nicht zuletzt um soziale Projekte.

Bei einer anderen Aktion unterstützte Podolski die Kölner Haie, versprach bei dem Erreichen der erhofften Spendensumme zur finanziellen Rettung des Eishockey-Teams, einen Einsatz auf dem Eis. Für Kölns Trainer Uwe Krupp ist es sicher keine schlechte Alternative, einen weiteren unberechenbaren Stürmer in der Hinterhand zu haben. Podolski benötigt nur noch eine Spielerlaubnis, dann steht seiner dritten Karriere nichts mehr im Weg. Die könnte ihn dann zurück nach Mannheim führen, diesmal in die SAP Arena.

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