Fußball

Fußball Wegen massiver Kontrollen des Erdogan-Staats zieht es die Club-Anhänger immer mehr aus den Stadien hinaus

Türkische Fans drangsaliert

Archivartikel

Istanbul.Hunderte Fußballfans in schwarz-weißen Trikots drängen sich durch die engen Gassen von Besiktas, fünf Gehminuten vom Bosporus entfernt. Sie klatschen, singen, stoßen mit Raki auf ihren Verein an. Junge Männer stellen sich neben die Adler-Statue im Herzen des Viertels und entzünden bengalische Fackeln. Der donnernde Jubel hallt hinüber zum kleinen Markt, wo die sozialdemokratische CHP ihre Fahnen ausgebreitet hat. Es gibt nicht viele Stadtteile in Istanbul, wo die größte Oppositionspartei so selbstbewusst auftreten kann. In Besiktas schneidet die konservative AKP-Regierung mit ihrem Präsidenten Erdogan traditionell schlecht ab.

Die wohl bekannteste Fangruppe von Besiktas nennt sich Çarsi. Sie engagiert sich für Umweltprojekte und Tierschutz, sammelt regelmäßig Spenden. Auf den Kneipenbänken ihres Viertels sprechen die Mitglieder leidenschaftlich über Politik, über Erdogan, Repression, Religiosität im Alltag. Es sind Themen, die sie vor einigen Jahren noch ins Stadion getragen hätten, mit Gesängen und Protestbannern. „Doch diese Zeit ist erstmal vorbei“, sagt Baris, ein Mitglied von Çarsi. „Niemand möchte für Fußball ins Gefängnis gehen.“

Kontrolle über Ticketsystem

Wer Spiele der türkischen Süper Lig, der höchsten Klasse, besuchen möchte, muss seit 2014 an einem elektronischen Ticketsystem teilnehmen und persönliche Daten hinterlegen. Die einzige Betreiberfirma ist eine Bank mit Verbindungen zur AKP. Innerhalb der Stadien wurden dutzende Überwachungskameras installiert, politische Botschaften sind untersagt. „Viele von uns wollen das nicht mitmachen“, sagt Baris. „Es ist traurig, dass wir selbst im Fußball vom Staat bedrängt werden.“ Einige seiner Freunde schauen sich Spiele nur noch in der Kneipe an.

Am Donnerstag wird die EM 2024 nach Deutschland oder an die Türkei vergeben. Zivilgesellschaft, Pressefreiheit, Demonstrationsrechte: Im Zuge des Machtgewinns für Recep Tayyip Erdogan sind Freiräume in der Türkei enger geworden – wie unter einem Brennglas wird das auch im Fußball deutlich.

Es begann im Mai 2013 mit Kundgebungen gegen ein Bauvorhaben im Gezi-Park, im Herzen von Istanbul. Die Bewegung wuchs, auf dem Taksim-Platz stellten sich unterschiedliche Gruppen gegen die Regierung. Auch hunderte Fans der sonst verfeindeten Vereine Besiktas, Fenerbahçe und Galatasaray. Emre, ein Mitglied von Çarsi, erinnert sich: „Lange war es friedlich, sogar humorvoll. Aber unsere Erwartungen waren zu hoch, und die Probleme zu komplex. Einigen Gruppen protestierten für die Kurden, andere für die Flüchtlinge aus Syrien. Die Demonstranten verstreuten sich wieder.“

Auch nach dem Ende von Gezi regte sich Widerstand, auch in den Stadien. Ein beliebter Gesang: „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“. Fans in Istanbul zeigten regierungskritische Transparente und besangen Mustafa Kemal, genannt Atatürk, den Gründer der modernen Republik. In Besiktas ist Atatürk überall sichtbar. Fotos auf Hauswänden, Zitate auf Mauern, ein riesiges Banner im Stadion: „Der größte Besiktasli“. Doch die AKP erholte sich von den Gezi-Protesten – und wollte ein Wiederaufflammen verhindern.

30 Prozent weniger Zuschauer

Lange gehörten Stadien zu den Orten, die man schwer kontrollieren kann, erläutert der britische Journalist Patrick Keddie. „Der Staat schaut mit Sorgen auf die Vernetzungskräfte der Fans.“ Die Regierung ging mit dem elektronischen Ticketsystem in die Offensive, offiziell zur Vorbeugung gegen Fangewalt. Hunderte Fans wurden festgenommen. 35 Anhänger von Besiktas standen 2015 vor Gericht. Der Vorwurf: Terrorismus und Pläne für einen Staatsstreich. Die Vorwürfe wurden fallengelassen, doch viele Fans wurden in ihrem Alltag eingeschüchtert.

Seit 2014 ist der Zuschauerschnitt pro Liga-Partie laut Buchautor Keddie um ein Drittel gesunken: Von 14 000 im Jahr 2014 auf heute rund 9000. Warum, das sieht man auch in Kadiköy, einem Stadtteil auf der asiatischen Seite Istanbuls. Zwischen Flohmärkten, Buchläden und Musikshops zeigen die rustikalen Kneipen vor allem Spiele von Fenerbahçe. „Wir halten uns mit politischen Botschaften zurück, die Leute haben Angst vor der Regierung“, sagt Sener von Vamos Bien. Die Fangruppe von Fenerbahçe boykottiert seit Einführung des Ticketsystems die Stadien – sie besucht nun lieber Basketballspiele.