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Fußball Nach dem dürftigen Auftritt beim 0:0 im Derby auf Schalke nehmen die Diskussionen um Dortmunds Trainer Favre zu

Unter besonderer Beobachtung

Archivartikel

Gelsenkirchen.Die Szene in der Endphase des Revierderbys war stilgebend für dieses Spiel: Dortmunds Offensivspieler Thorgan Hazard führte auf der rechten Außenbahn den Ball und wurde vehement von Schalkes Bastian Oczipka unter Druck gesetzt. Der Belgier drehte ab, orientierte sich nach hinten, wo Amine Harit dazukam, was Hazard noch weiter in die Defensive trieb. Schließlich kam auch noch Suat Serdar dazu, eroberte den Ball und leitete den Gegenangriff ein. Hazard wusste sich nur zu helfen, indem er seinem Widersacher von hinten in die Beine grätschte, wofür er die gelbe Karte sah.

Man kann es so auf den Punkt bringen: Schalke agierte galliger, griffiger, zielstrebiger und mit wesentlich mehr Leidenschaft als der Rivale, der sich seit Wochen damit beschäftigen muss, dass er immer dann in ernste Schwierigkeiten gerät, wenn der Gegner mit grimmiger Entschlossenheit und physischer Präsenz zu Werke geht.

Meilenweit entfernt vom Anspruch

Die 177. Auflage des ewig jungen Klassikers ging zwar mit einem torlosen Remis zu Ende, doch auch wenn die Zähler geteilt wurden, durften sich die Gastgeber am Ende einer spielerisch dürftigen Partie als klarer Punktsieger fühlen. Der BVB hatte mehrere Male Glück, dass er ohne Gegentor davonkam.

Ins letzte Treffen der sich in inniger Abneigung gegenüberstehenden Rivalen gingen die Dortmunder noch mit unfassbaren 42 Punkten Vorsprung, mittlerweile begegnen sich die Ruhrgebiets-Protagonisten auf Augenhöhe. Borussias Aushilfstorhüter Marvin Hitz fand für die Verteilung der Kräfte eine überraschende Erklärung: „Das Schalker Glück in den Zweikampfsituationen hat ihnen vor dem Tor gefehlt.“ Die Sichtweise hatte der Schweizer exklusiv, denn was hat es mit Glück zu tun, wenn der Gegner immer wieder den Ball gewinnt, weil er mit größerem Willen und Überzeugung agiert?

Da war die Deutung der Dinge bei Hitz’ Kollegen am anderen Ende des Spielfelds schon wesentlich stimmiger: Schalkes Kapitän Alexander Nübel, der das Spiel auf der Linie seines Tores vor sich sah, brachte das harmlose Dortmunder Ballgeschiebe mit einem bemerkenswerten Statement auf den Punkt. Es mache es einer Abwehr „schon leichter“, konstatierte der Torhüter, „wenn vom Gegner keiner in die Box will“. Mit dieser Aussage konfrontiert, konstatierte Favre: „Uns fehlten die Durchschlagskraft und die richtigen Bewegungen.“ Und weiter: „Unter Druck haben wir Probleme, den Ball zu halten. Sie erobern die Bälle zu leicht, wir brauchen mehr Läufe in die Tiefe.“

Das war ebenso richtig wie selbstkritisch analysiert. Alles in allem präsentiert sich die Borussia mal wieder meilenweit von den eigenen Ansprüchen entfernt. Immerhin haben sie vor Saisonbeginn in Dortmund das Ziel ausgegeben, den Dauermeister aus München endlich vom Thron stoßen zu wollen. Doch der von Selbstzweifeln getriebene Favre scheint immer weniger der richtige Mann zu sein, um solch hehre Vorsätze in die Tat umzusetzen.

Viel Lobenswertes fand der Schweizer nicht am Auftritt seiner kickenden Belegschaft. Stattdessen lobte er den Gegner über den grünen Klee. Schalke habe „extrem aggressiv“ agiert, „das ist die beste Mannschaft in der Bundesliga, was die Zweikämpfe betrifft. Und dann noch die vielen intensiven Läufe.“ Ungewollt benannte der Übungsleiter damit alles, was seine Mannschaft an diesem Nachmittag nicht auf den Platz gebracht hatte.

Erschreckend blutleer beim 0:2 in der Champions League bei Inter Mailand und drei Tage später ohne Überzeugung und Ausstrahlung beim Revierderby. Das mit vielen Millionen verstärkte Starensemble von Borussia Dortmund erlebt einen Herbst, der viele Fragen aufwirft. Kapitän Marco Reus brachte den erneut dürftigen Auftritt auf den Punkt: „Das ist natürlich viel zu wenig, was wir nach vorne machen. Uns fehlt die Leichtigkeit, das Spielerische, was uns ausmacht.“

Kein Zweifel, die Nullnummer hat Favres Position beim börsenorientierten Fußballunternehmen nicht verbessert. Der Schweizer bleibt beim Revierclub unter besonderer Beobachtung, die Diskussionen um den angezählten Trainer werden an Dringlichkeit zunehmen. Favre registriert die für ihn immer brisantere Gemengelage sehr genau und versucht, sich davon nicht mehr als nötig beeinträchtigen zu lassen. Auf Nachfrage sagte der 61-Jährige: „Ich habe kein großes Interesse, darüber zu sprechen.“