Fußball

Fußball Borussia Dortmund steht nach äußerst wechselhafter Saison vor einem Umbruch – wohl mit Lucien Favre als neuem Trainer

Viele Indianer, keine Häuptlinge

Dortmund.Peter Stöger blieb sich auch in dem Moment treu, als für ihn bei Borussia Dortmund der letzte Vorhang fiel. Ruhig, gelassen und ohne große Emotionen verkündete der Trainer das, was in Dortmund seit Wochen klar, aber noch nicht offiziell verkündet worden war: „Das war mein letztes Pflichtspiel für den BVB“, sagte der Wiener in der Pressekonferenz nach der finalen Niederlage in Hoffenheim. Und weiter: „Das haben wir schon vor einiger Zeit gemeinschaftlich beschlossen. Ein neuer Reiz, mit einem neuen Trainer, wird dem Verein gut tun.“

Wie Recht der 52-Jährige damit hat, zeigte sich in den 90 Minuten im Kraichgau, als die Borussia wieder einmal demonstrierte, wie sehr es dieser Mannschaft an Mentalität mangelt. Nach der Schicht im sommerlich warmen Stadion musste sich Nuri Sahin erst einmal den Schweiß aus dem Gesicht wischen und sich sammeln. Der Ur-Dortmunder ist seit Kindheitstagen beim BVB, doch „so eine Saison habe ich noch nicht mitgemacht.“ Das finale 1:3 reichte so gerade eben, um auf Platz vier zu enden, was geschätzte 40 Millionen Euro in die Kasse des börsenorientierten Unternehmens spült. Dennoch gibt es viel aufzuarbeiten nach einer Saison, in der es in der heimischen Liga und im internationalen Wettbewerb immer wieder herbe Rückschläge gab.

Kader schlecht zusammengestellt

Leicht war es wahrlich nicht, dem BVB in dieser Saison in der Bundesliga und im internationalen Wettbewerb zu folgen. Und schon gar nicht, aus dieser Mannschaft schlau zu werden. Ein Ensemble von Hochbegabten, das Fußball in seinen lichten Momenten mit herrlicher Leichtigkeit zu zelebrieren weiß, um im nächsten Moment in eine rätselhafte Agonie zu verfallen, die alle Beobachter ratlos zurücklässt. Dabei stufen viele Fachleute den Dortmunder Kader nach wie vor als den zweitbesten der Liga ein.

Borussia Dortmund hat die Qualifikation für die Champions League am Ende mit Hängen und Würgen unter Dach und Fach gebracht und damit das wichtigste Saisonziel verwirklicht. Doch wenn Lucien Favre in der kommenden Woche als neuer Trainer vorgestellt wird – worauf alle Zeichen hindeuten –, erwartet den Schweizer eine ziemlich komplizierte Mission. Die Zeiten sind unruhig, der BVB hat in dieser Saison eine Achterbahnfahrt hinter sich, die für keinen Beteiligten vergnüglich war.

Allerdings ist bei jeder Analyse der Umstand zu berücksichtigen, dass die Spieler weiterhin unter den Folgen des Bombenanschlags auf den Mannschaftsbus zu leiden haben. Wie traumatisch sich die Erlebnisse auswirken, zeigen die Aussagen diverser Akteure im Verlauf des Prozesses gegen den Attentäter.

Dazu kommt der Umstand, dass der Dortmunder Kader in der jetzigen Konstellation fehlerhaft zusammengestellt wurde: Viele Indianer, keine Häuptlinge – dieser Mannschaft fehlt es an Führungsqualität. Immer dann, wenn Tugenden wie Mentalität und Widerstandsfähigkeit gefragt sind, knicken die Dortmunder ein. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc müssen ihre Transferpolitik hinterfragen.

Offensichtlich ist dieser Prozess im Gange, denn Borussia Dortmund stellt sich neu auf. Dass Watzke und Zorc mit den meinungsstarken Matthias Sammer (externer Berater) und Sebastian Kehl (Leiter der Lizenzspielerabteilung) frische Führungskräfte engagierten, ist nicht nur ein starkes Zeichen für die Zukunft, sondern auch das Eingeständnis, dass sie Hilfe benötigen.