Fußball

Serie Der frühere Nationalspieler arbeitet heute als Spielerberater – und blickt auf eine bewegte Karriere zurück / Letzte Station war Hoffenheim

Was macht … Kevin Kuranyi ?

Stuttgart.Feuchte Hände, erhöhter Puls, einsetzende Schusseligkeit. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das ist Nervosität. Aber gut, wie oft trifft man schon einen Bundesliga-Torjäger, einen Nationalspieler, einen Fußballstar?

Da sitzt er schon, in grauen Jeans und lässigem weißen Shirt: Kevin Kuranyi, 36, der Mann mit dem modischen Bart, in Stuttgart und auf Schalke ein Held, in Hoffenheim die personifiziert unerfüllte Hoffnung. Er lächelt das wohlbekannte Lächeln, spricht mit dem so vertrauten leichten Lispeln, ist nahbar wie ein Freund und schüttelt damit die Nervosität seines Gesprächspartners mit einer Leichtigkeit ab wie früher die Gegenspieler: „Machen wir Du am besten. Das ist einfacher.“

So ist nach wenigen Sekunden klar: Hier sitzt kein Star. Hier sitzt ein Mensch. Einer mit einer bewegten und bewegenden Geschichte. Die auch in einer Restaurant-Toilette hätte enden können.

„Viele gute Bilder im Kopf“

Sie endet aber vorläufig hier, am Stuttgarter Hauptbahnhof. Ausgerechnet hier, muss man im Fußballerjargon wohl sagen. Im vermutlich besten Hotel der Stadt hat die deutsche Nationalmannschaft 2006 zusammen mit Hunderttausenden ihren dritten Platz bei der Weltmeisterschaft gefeiert. Und direkt nebenan sitzt nun der vermutlich einzige Verlierer dieses Sommermärchens. Kuranyi hadert damit nicht mehr, sagt er: „Ich habe von meiner Karriere so viele gute Bilder im Kopf, dass die schlechten keinen Platz haben.“

Und je länger er in diesem ruhigen, eindringlichen Ton spricht, desto mehr glaubt man ihm das. Der Grund für den Treffpunkt ist ein anderer. In dieser Galerie, zwischen viel Glas, viel Chrom, vielen Spiegeln und Bildern, die in Männer-Wohnungen hängen, arbeitet Kuranyi künftig. In dem Beruf, den er sich für sein neues Leben ausgesucht hat: Spielerberater. „Da bin ich nicht an einen Verein gebunden, sondern kann selbst über meine Zeit entscheiden“, sagt er. „Und ich kann da leben, wo ich möchte.“ Das war auch der Grund, weshalb er seine Karriere nach dem misslungenen Gastspiel in Hoffenheim, wo sein Vertrag nicht verlängert worden war, vor einem Jahr beendet hat. Um nicht noch mal umziehen zu müssen, sondern häufiger bei seiner Frau und den beiden zehn und zwölf Jahren alten Kindern in Degerloch zu sein.

Dass er bei der WM in Russland als Experte für die ARD arbeitet, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Schließlich hat es der Sohn eines Deutschen und einer Panamaerin, der in Brasilien aufgewachsen ist, als Spieler nie zu einer WM geschafft.

2006 war es noch eine Überraschung, als Bundestrainer Jürgen Klinsmann ihn nicht nominierte. 2010 rechnete schon keiner mehr damit. Schließlich lag dazwischen jener denkwürdige Abend in Dortmund, bei dem das Gespräch fast immer wieder landet. Weil er der Knackpunkt seiner Karriere war.

Reich an Höhepunkten

Eine Karriere, die so reich war an Höhepunkten: Zweimal Zweiter in der Bundesliga; Vize-Europameister; Halbfinalist im Uefa-Cup; acht Saisons nacheinander mindestens zehn Tore in der Bundesliga (mehr hatten nur Gerd Müller und Manfred Burgsmüller); und natürlich der Moment, den er als den schönsten seiner Karriere beschreibt: Das Tor zum 1:1 im Länderspiel gegen Brasilien 2004: „Das war ein Mega-Gefühl.“

Kuranyi lebte den Traum eines jeden Jungen. Bis er an einem Abend im Oktober 2008 kurzzeitig zum Alptraum wurde. Länderspiel in Dortmund, der Star des größten Rivalen Schalke ist überraschend nicht nominiert, muss auf die Tribüne, wird angefeindet, angepöbelt. Und hat einen Kurzschluss. Mitten im Spiel haut er einfach ab. Was folgt, sind offene Fragen, die Verbannung aus der Nationalmannschaft und Häme. „Da sind viele Kleinigkeiten zusammengekommen“, sagt Kuranyi. Und fügt einen Satz hinzu, der vieles andeutet, aber noch genug offenlässt: „Und ich hab‘ mich damals mental nicht so stark gefühlt, das zu ertragen.“

Er fiel in ein Loch. Und hat sich mit Hilfe seiner positiven Lebenseinstellung und seinem Glauben an Gott wieder befreit: „Irgendwann hab’ ich ganz alleine für mich gebetet und bin zu dem Schluss gekommen: Okay, das Leben geht weiter. Ich muss mich herankämpfen, ich muss Fußball spielen, ich möchte wieder für meine Familie da sein. Und dann war die Belastung, die ich im Kopf hatte, auf einmal weg.“

Seine Laufbahn hat der Vorfall geprägt: „Wenn ich noch Nationalmannschaft gespielt hätte, wäre ich vielleicht zu Juventus oder nach Liverpool gegangen.“ So aber hat er einen Teil seiner Karriere abgehakt, wollte einfach nur weg und ist 2010 als bestbezahlter Spieler Russlands nach Moskau gewechselt. „Ehrlich gesagt, aus finanziellen Gründen. Ich dachte: Ich hab‘ noch vier, fünf Jahre – und eine große Familie.“

2015 kam er zurück in die Bundesliga, nach Hoffenheim. Zu einem Verein, bei dem er alles lobt. Bei dem es aber gar nicht lief. „Schwer zu erklären“, sagt Kuranyi. „Wir hatten in einer Saison drei Trainer, die Mannschaft war im Umbruch, es war nicht einfach, wir waren“, er stockt, „als Team nicht erfolgreich.“ Mehr kann er nicht sagen. Oder will es nicht.