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Fußball Der spröde wirkende Trainer könnte mit seiner Erfahrung der richtige Mann sein / Alle Aufstiegsträume vertagt

Wo Jens Keller beim Club ansetzen muss

Archivartikel

Nürnberg.Möglicherweise sind am Valznerweiher die Tore zum Trainingsgelände für Kiebitze künftig öfter geschlossen als nur an den Tagen vor einem Spiel. Jens Keller schien jedenfalls ziemlich überrascht, dass seine erste Einheit mit dem Kader des 1. FC Nürnberg am Mittwoch öffentlich und nicht geheim war. Ganz einfach, weil es der Verein auf der Webseite so angekündigt hatte, bevor der 48-Jährige am Dienstag seinen Vertrag bis Sommer 2021 unterschrieb und sich freut, nun zum zweiten Mal nach seiner Zeit Schalke 04 bei einem großen Traditionsverein arbeiten zu können.

Euphorie hat Kellers Verpflichtung unter den Club-Freunden nicht gerade ausgelöst. Dafür ähnelte der Fußball, den seine bisherigen Mannschaften spielten, dem etwas spröden und farblosen Auftreten des Trainers in der Öffentlichkeit. Intern mag Keller aber ganz anders sein. Bei seiner Vorstellung im Max-Morlock-Stadion beschrieb er sich jedenfalls als „unheimlich kommunikativ. Bei mir weiß jeder Spieler, wo er steht. Es ist entscheidend, dass man die Mannschaft begeistert.“

Für die derzeitige Situation des 1. FC Nürnberg, der nur eines seiner letzten zehn Pflichtspiele gewonnen hat, könnte Keller mit seiner Erfahrung durchaus der richtige Mann sein. Nach der Trennung von dem Österreicher Damir Canadi habe man sich bei der Suche nach einem Nachfolger auf Trainer konzentriert, „die in der jüngeren Vergangenheit in der Zweiten Liga gearbeitet haben“, sagte Sportvorstand Robert Palikuca. Mit Markus Anfang konnte er sich offenbar nicht einigen, aber auch Keller erfüllte diese Vorbedingung. Bei Union Berlin, dass ihn Ende 2017 noch heute unerklärt auf dem vierten Tabellenplatz stehend entließ, sei Kellers Arbeit sogar „nahe am Optimum“ gewesen, sagte Palikuca.

Glücklos in Ingolstadt

In der vergangenen Saison war Keller der dritte von am Ende vier Trainern, die den Abstieg des FC Ingolstadt in die 3. Liga nicht verhindern konnten. Trotz eines Kaders, der wie der des FCN qualitativ hochwertig besetzt zu sein schien. „Man kann die Situation sicherlich vergleichen“, gab Keller zu. Die Spiele unter seiner Regie seien „sehr, sehr gut“ gewesen, „was gefehlt hat, waren die Tore“. Wo er in Nürnberg nun anzusetzen hat, ist Keller klar: „Wenn man die Tabelle und das Torverhältnis anschaut, dann sieht man, woran wir arbeiten müssen: An der defensiven Stabilität. Nach vorne hat die Mannschaft viel Qualität, aber wir müssen die Stabilität finden.“

Auch Palikuca ist mittlerweile klargeworden, dass die Zusammenstellung des Kaders keineswegs homogen ist. Im Abwehrbereich und im defensiven Mittelfeld fehlt es an Qualität und Tempo. In der Winterpause wird er wohl versuchen, das personell zu ändern.

Verändert hat sich aber vor allem das Ziel, mit dem der Club an die restliche Saison herangeht. Palikuca setzt den im Sommer formulierten Zwei-Jahres-Plan mit dem Ziel Wiederaufstieg aus. Im vorderen Drittel mitspielen wollte der FCN mindestens. Bescheidene neue Vorgabe ist es für diese Saison nun, „in ruhige Fahrwasser zu kommen“. Für Träumereien ist kein Anlass mehr.

Hans Strauß ist Sportredakteur bei der „Main Post“ Würzburg, die Mitglied der „G14plus“ ist: Eine bundesweite Kooperation von Sportredaktionen, die Beiträge austauschen. Auch diese Zeitung gehört zur „G14plus“.