Gesundheit

Psyche Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ist nicht heilbar, aber Betroffene sollten Symptome mit Therapie angehen

ADHS belastet auch Erwachsene

Archivartikel

München/Essen.Eigentlich geht es Stefan Ziegler gut. Der 36-Jährige hat eine schöne Wohnung in einem angesagten Viertel in München, einen guten Job – und er wird bald Vater. Von außen betrachtet führt Ziegler ein Leben, das sich kaum von dem anderer Mittdreißiger unterscheidet. Und doch ist er in manchen Dingen anders als andere. Der Münchner hat ADHS, die sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Das war schon als Kind so. „Aber erst, als ich 24 Jahre alt war, ist die Diagnose gestellt worden.“

So wie ihm ergeht es vielen: Sie sind bei der Arbeit schnell ablenkbar, können sich schlecht selbst organisieren und sie sind ungeduldig und emotional instabil. Aber dass sich hinter solchen und anderen Symptomen ADHS verbirgt, wird oft verkannt. „Selbst in Fachkreisen wird die komplexe psychiatrische Erkrankung nicht hinreichend wahrgenommen“, sagt Diplompsychologe Johannes Streif vom Verein ADHS Deutschland – Selbsthilfe für Menschen mit ADHS. Deshalb gibt es auch keine verlässlichen Zahlen. Schätzungen zufolge haben in Deutschland etwa zwei Millionen Menschen ADHS, ohne es zu wissen.

Etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren sind von ADHS betroffen. Ein Teil von ihnen – laut Schätzungen sind es mindestens 60 Prozent – zeigt ADHS-Symptome auch noch im Erwachsenenalter.

So wie Stefan Ziegler: „Zerstreuter Professor“ nennen ihn andere oft. Er ist klug und belesen, aber eben auch vergesslich. Er hält Termine nicht ein, vergisst selbst Geburtstage von engen Freunden. „Mir ist es schon passiert, dass mir jemand etwas sehr Persönliches anvertraut hat und zwei Wochen später habe ich es vergessen“, sagt Ziegler. Das sei für den anderen sehr kränkend gewesen.

Was genau die Ursache ist, ist noch weitgehend unbekannt. „Vermutlich handelt es sich bei ADHS um eine Regulationsstörung im Frontalhirn“, erläutert Professor Christian Mette, Psychologe in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Duisburg-Essen. Bestimmte Botenstoffe wie etwa Dopamin und Noradrenalin, die der Körper selbst produziert und die für eine Weiterleitung von Reizen nötig sind, sind bei ADHS-Betroffenen aus der Balance geraten.

Medikamente helfen Betroffenen, die Grundstörung zu verringern. Begleitend kann eine Psychotherapie dazu beitragen, das Selbstwertgefühl zu stärken. Manchmal ist auch einfach nur ein Coach nötig, der Tipps gibt, wie das Leben planvoll angegangen werden kann.

Das Problem ist nur: Bis sich Betroffene Hilfe suchen, vergeht häufig viel Zeit. Am LVR-Klinikum Essen etwa gibt es eine Spezialambulanz für ADHS im Erwachsenenalter. Viele melden sich dort erst, wenn der Leidensdruck groß ist. Andererseits sucht man sich besser spät Hilfe als gar nicht. „Zu spät für eine Therapie ist es nie“, sagt Mette.

Klar muss aber auch sein, dass die psychische Störung nicht heilbar ist. Man kann allenfalls versuchen, die Symptome in den Griff zu bekommen. Hinzu kommt, dass ADHS oft nur die Spitze eines Eisbergs ist. „Bis zu 80 Prozent der Betroffenen haben Begleitstörungen“, so Mette. Das können affektive Störungen sein, Depressionen oder auch Persönlichkeitsstörungen.

Für die Betroffenen ist aber erstmal wichtig, dass jemand das Kind beim Namen nennt: „Als ich hörte, dass ich ADHS habe, war das für mich eine große Erleichterung“, erzählt Ziegler. Endlich habe er Gewissheit gehabt, dass sein Anderssein auf eine Störung zurückgeht. Und nicht etwa auf eine Schwäche seines Charakters.

Ablenkung bei Unruhe

Heute versucht er jeden Tag aufs Neue, seinen ADHS-Symptomen etwas entgegenzusetzen. Wenn er unruhig ist, dann nimmt er sich ein Buch und liest. Manchmal zeichnet er Porträts oder Comics. Auch Joggen hilft ihm. Und er notiert sich jeden Termin sofort und erstellt für jeden Tag eine To-do-Liste, auf der er Prioritäten setzt. „Wichtig ist auch, dass man sich auf seine Stärken besinnt, das gibt einem ein gutes Gefühl“, sagt Ziegler.

Daneben spielt das Umfeld eine Rolle, sagt Streif. Betroffene brauchen Vertrauenspersonen, mit denen sie eine Situation, in der sie angeeckt sind, besprechen können. „In meinem Fall ist das meine Freundin“, sagt Ziegler. Er rät Betroffenen, Mitglied in einer Selbsthilfegruppe zu werden. Denn zu wissen, dass man nicht allein ist mit seiner Besonderheit – das sei ein gutes Gefühl.