Gesundheit

Bunte Bilder, klare Sprache

Comics sind Kinderkram? Nicht, wenn es nach Berliner Ärzten geht. Sie setzen das Medium ein, um Patienten besser über einen bestimmten Eingriff aufzuklären. Das Modell könnte Schule machen.

Unverständlich mit Hang zu Fachchinesisch: Ärzten wird nachgesagt, manchmal so zu sprechen, dass der Otto-Normal-Patient nur noch Bahnhof versteht. Steht eine Behandlung noch bevor, können Patienten es schlimmstenfalls mit der Angst zu tun bekommen, wenn Fragen offen bleiben: „Koronarangiografie“, „Ballondilatation“, „arterieller Katheter“. Das sind Begriffe, mit denen Patienten tagtäglich konfrontiert werden. Vorausgesetzt, sie lesen den Aufklärungsbogen vor einer Linksherzkatheter-Untersuchung.

Über die medizinischen Schritte und Risiken dieses Routineeingriffs verständlich aufzuklären, ohne zu verharmlosen – das haben sich Ärztinnen an der Berliner Charité vorgenommen. Sie haben dazu einen knapp 20-seitigen Comic entwickelt, den Patienten ergänzend zur rechtlich notwendigen Aufklärung vorab bekommen. In der Broschüre wird etwa in Wort und Bild erklärt, wie die Herzkranzgefäße untersucht werden und wie sich der Patient danach verhalten sollte. Eine frühere Studie hatte gezeigt, dass viele Patienten trotz Aufklärung das Prinzip der Herzkatheteruntersuchung nicht vollständig erfassten und somit falsche Vorstellungen von ihrem Nutzen hatten.

Weder „Boom!“ noch „Bang!“

Trotz der bunten Illustrationen und der klaren Sprache wirkt das Heft nicht kindlich. Auch Ausrufe wie „Oh!“, „Boom!“, „Bang!“ oder lustige Szenen, wie sie aus vielen Comics bekannt sind, wären natürlich fehl am Platz. Das Heft erinnert eher an sogenannte Graphic Novels – ins Comicformat übertragene Romane, meist für erwachsene Leser. Das Genre zeigte in den vergangen Jahren, dass Comics auch für diese Altersgruppe mehr sein können als eine Klo-Lektüre.

Kardiologin Verena Stangl (Bild), die den Medizin-Comic an der Charité mit einem Team entwickelt hat, zeigt sich überzeugt von den Qualitäten des Mediums zur Wissensvermittlung. „Der Comic soll natürlich nicht das persönliche Gespräch mit dem Patienten ersetzen“, betont sie. Nach Stangls Erfahrung kommen Nachfragen bei Patienten manchmal aber erst auf, wenn der Arzt gerade zur Tür hinaus ist. Ein Comic habe dann im Vergleich zu Videos etwa den Vorteil, dass der Patient die Geschwindigkeit beim Erfassen des Inhalts bestimmen kann.

Anfangs gab es auch Unsicherheiten: Würden sich gerade ältere Patienten nicht veräppelt fühlen, wenn man ihnen einen Comic in die Hand drückt? Die Rückmeldungen seien aber positiv gewesen, sagt Stangl. In einer kürzlich publizierten Studie mit Daten von rund 120 Patienten belegten ihr Team und sie einige Vorteile: Probanden, die zusätzlich auch die Bildergeschichte erhielten, hatten weniger Angst vor dem Eingriff und konnten mehr Fragen dazu richtig beantworten als Teilnehmer nach der Standard-Aufklärung mit Gespräch und Infobogen. Auch war die Comic-Gruppe laut der im Fachblatt „Annals of Internal Medicine“ veröffentlichten Studie zufriedener mit der Aufklärung.

Stangl sagt, auch für andere kardiologische Eingriffe sollen nun Comics erarbeitet werden. Die Version zur Herzkatheteruntersuchung wolle die Uniklinik demnach standardmäßig einsetzen. Auch andere Kliniken hätten Interesse signalisiert, so die Medizinerin.

Bisher ist von Patienten oft Eigeninitiative gefragt, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Man kann etwa auf Internetseiten von Selbsthilfegruppen oder Stiftungen laienverständlich aufbereitete Angaben finden – manchmal ist aber auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich, ob eine Quelle wirklich seriös ist.

Ansätze wie ein Comic seien „prima“, wenn es im Gespräch gelinge, eine Brücke zu schlagen von den allgemeinen Infos hin zum Einzelfall, sagte Ansgar Jonietz vom Portal „washabich.de“. Auf der Internetseite können Patienten Arztbefunde kostenfrei von Medizinstudenten in verständliches Deutsch übersetzen lassen, außerdem bietet die gemeinnützige Firma Kommunikationskurse für angehende Mediziner.

Stoff zur Nachbereitung

Es sei generell wichtig, dass Patienten nach einem Arzt-Gespräch etwas Schriftliches in die Hand bekommen, das sie zu Hause nachlesen können, sagt Jonietz. Beim Arzt seien Patienten manchmal aufgeregt, hinzu kämen Ängste und Sorgen im Hinterkopf. Fragt später die Familie nach, was der Arzt gesagt hat, könne es schon mal schwer fallen, die Einschätzung wiederzugeben. Im Medizinstudium habe Kommunikation lange keine Rolle gespielt, sagt Jonietz, und auch heute sei der Anteil noch zu gering. Manchen Ärzten sei gar nicht bewusst, dass ihr Sprachgebrauch nicht allgemeinverständlich ist. In den Kursen gehe es um das Vokabular und das Vermitteln komplexer Sachverhalte.

„Wenn der Patient nicht versteht, was mit ihm passiert, ist er auch nicht bereit mitzuarbeiten“, sagt Jörg-Andreas Rüggeberg vom Berufsverband der Deutschen Chirurgen. Er ist aber etwas skeptisch, was Medizin-Comics im Allgemeinen anbelangt: Schriftliche Maßnahmen seien immer standardisiert, wichtiger sei es, im Gespräch auf den einzelnen Patienten einzugehen. „Das ist der Schlüssel.“ Nach Rüggebergs Erfahrung hat die Wissbegierde von Patienten ohnehin auch Grenzen, etwa wenn es um technische Details von OPs geht. „Manche sagen, sie wollen es lieber gar nicht so genau wissen.“

„Wir müssen alles tun, um falsche Angespanntheit zu vermeiden, aber die persönliche Aufklärung ist nicht zu ersetzen“, sagt der Vorstandschef der Deutschen Herzstiftung, Dietrich Andresen. Als Kardiologe verdeutliche er Patienten die Abläufe einer OP jedes Mal aufs Neue etwa mit Zeichnungen auf Papier und versuche auch sprachlich, sich auf sein Gegenüber einzulassen. Zum Beispiel mit Begriffen aus dessen Berufsfeld, ergänzend zur Fachsprache. Die Zeit müssten sich Ärzte auch im Klinikalltag nehmen.