Gesundheit

Das Gehirn ist parteiisch

Archivartikel

Beim Streit um den Einwurf im Ballsport geht es oft um taktische Vorteile. Anteil kann einer Studie zufolge aber auch ein Effekt haben, den Psychologen egozentrische Zeitordnung nennen. Demnach sieht das Gehirn uns im Vorteil, weil es eigene Handlungen voraussieht, die anderer aber nicht.

Die Situation ist typisch im Basketball oder Fußball: Nach dem Zweikampf fordern beide Teams den Einwurf. Diese Frage kann durchaus entscheidend sein, so DFB-Lehrwart Lutz Wagner: „Grundsätzlich ist der Einwurf immer von Interesse für die Mannschaft, die ihn zugesprochen bekommt. Dies bedeutet Ballbesitz und somit ist für den Gegner kein direkter Torerfolg möglich. Zudem ist der eigene Ballbesitz bei einem Standard oftmals Ausgang eines eingeübten Spielzuges. Auch die Nutzung eines Einwurfs zu einem torgefährlichen Angriff konnten wir seitens der isländischen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2016 gut erkennen.“

Reaktionen spüren

Die Psychologen Ty Tang und Michael McBeath von der Arizona State University zeigten jetzt, dass es sein kann, dass im Streit um einen Einwurf beide Spieler ehrlich glauben, sie hätten den Ball vor dem Gegner berührt. Die Forscher ließen 16 Studierende der Universität Arizona fast gleichzeitig Aktionen durchführen und veröffentlichten die Ergebnisse im Fachmagazin „Science Advances“. Im ersten Test saßen jeweils zwei Teilnehmer gegenüber an einem Tisch, der mit einem Sichtschutz geteilt war. Sie legten ihre Arme jeweils neben den Sichtschutz, auf ein Lichtsignal hinsollten sie jeweils mit ihrer rechten Hand auf die linke Hand des Gegenübers drücken. Im Gegensatz zum Sport konnten die Teilnehmer also sowohl ihre eigene Reaktion als auch die des anderen direkt spüren. Mit Sensoren konnten die Forscher messen, wann gedrückt wurde. Wenn die Studenten genau gleichzeitig reagierten, behaupteten dennoch durchschnittlich 67 Prozent, sie selbst seien schneller gewesen.

Die Forscher gehen davon aus, dass das Gehirn die eigene Reaktion zuerst wahrnimmt und dann erst das externe Handeln. Das Phänomen nennen die Psychologen „egozentrische Zeitordnung“. Die verzögerte Wahrnehmung dauerte demnach durchschnittlich 51,2 Millisekunden. Nach dieser Zeit verschwand der Effekt. Die Teilnehmer glaubten dann mehrheitlich, die Aktion wäre gleichzeitig durchgeführt worden oder ordneten – bei noch stärkerer Verzögerung – die Reihenfolge richtig ein. „Die 50 Millisekunden Zeitverzögerung machen Sinn, weil wir wissen, dass das Gehirn unsere Handlungen und Wahrnehmungen immer vorhersieht“, erklärt Mitautor Michael McBeath.

„Menschen können deshalb ihre eigenen Handlungen nahezu in Echtzeit wahrnehmen, zum Beispiel wenn sie einen Baseball fangen oder wegschlagen. Aber wir brauchen etwas mehr Zeit, um etwas Unerwartetes zu verarbeiten, zum Beispiel, wenn uns jemand überraschend auf die Schulter klopft.“

Die Forscher überprüften auch, ob es sich um ein soziales Phänomen handelt. Dafür traten die Studierenden beim „Drückwettbewerb“ gegen einen schnell reagierenden Magneten an. Nun stieg die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilnehmer behaupteten, sie hätten zuerst gebuzzert, sogar auf 75 Prozent. Das Phänomen trat ebenfalls auf, wenn die Teilnehmer einen Klick hörten und sagen sollten, ob sie zuerst gebuzzert hätten oder der Klick zuerst kam.

Gesellschaftliches Problem

Die Forscher glauben, dass ihre Studie für mehr Akzeptanz bei der unterschiedlichen Bewertung von Situationen – zum Beispiel im Sport – sorgen könnte. Das Gehirn verhalte sich „parteiisch“, so die Wissenschaftler.

Lutz Wagner glaubt, dass die Spieler durchaus taktieren: „Bei knappen oder engen Entscheidungen kann der Streit um einen möglichen Einwurf durchaus nachvollzogen werden.“ Oftmals sei aber ebenso festzustellen, dass auch bei ganz klarer Sachlage dennoch der Einwurf unberechtigterweise eingefordert wird. „Dies scheint jedoch auch ein generelles gesellschaftliches Problem zu sein. Zunächst wird um jeden Preis der eigene Vorteil gesucht, um nicht eingestehen zu müssen, dass man der „Schuldige“ ist.“ dpa