Gesundheit

"Feind des Schlafes"

Archivartikel

Der Psychologe Hans-Günther Weeß hat sein Smartphone nachts nie parat. Im Interview erklärt er, weshalb Anspannung im Schlafzimmer nichts verloren hat und warum es sich ausgerechnet vor dem Fernseher so gut schlummern lässt.

Die Deutschen schlafen schlecht - so lautet das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie der DAK. Dabei gaben 80 Prozent von 5200 Befragten an, dass sie häufig Probleme mit dem Ein- und Durchschlafen hätten. Schlafforscher Hans-Günther Weeß überrascht das nicht. Mit seinem Team am Pfalzklinikum in Klingenmünster erforscht er seit Jahren, warum unsere Schlafqualität verkümmert und welche Konsequenzen das hat.

Heer Weeß, haben Sie nachts Ihr Smartphone auf dem Nachttisch liegen?

Hans-Günter Weeß: Nein, das habe ich nicht. Wenn ich nachts ins Schlafzimmer gehe, entpflichte ich mich von allem, was mit Alltag zu tun hat. Und dazu gehört auch das Smartphone.

Raten Sie das auch Ihren Patienten?

Weeß: Ja, das tue ich. Aus dem einfachen Grund, dass die Versuchung sehr groß ist, das Smartphone auch nachts noch zu benutzen, wenn es in unmittelbarer Nähe greifbar ist. Dann chatte ich eben noch einmal schnell mit Freunden, surfe im Internet oder nutze die soziale Medien.

Und warum ist das ein Problem?

Weeß: All diese Tätigkeiten führen zu Anspannung, und Anspannung ist der Feind des Schlafes. Wenn ich mir noch ein aufwühlendes Video anschaue oder mich in einer virtuellen Unterhaltung verliere, dann hat das aufputschende Wirkung. An Schlaf ist nicht zu denken. Und wenn wir nicht genügend Schlaf bekommen, dann erhöht das verschiedene Risiken.

An welche Risiken denken Sie beispielsweise?

Weeß: Erstens erhöht sich unser Risiko für die Tagesschläfrigkeit, weil wir müder sind, und mit ihr das Risiko für Unfälle, weil wir einfach nicht aufmerksam genug sind. Zweitens erhöht sich durch Schlafmangel unser Risiko für Stoffwechselerkrankungen, für Herz-Kreislauferkrankungen und auch für psychische Erkrankungen.

Ab wann wird schlechter Schlaf gefährlich?

Weeß: Das ist schwer zu sagen, denn jeder Mensch ist unterschiedlich. Das kann nach wenigen Wochen der Fall sein, kann aber auch Monate oder Jahre dauern. Das hängt auch immer vom Ausmaß des Schlafmangels ab, wenn ich nur eine Stunde Schlafmangel habe, verhält sich das anders, als wenn ich fünf Stunden Schlafmangel habe und vielleicht nur noch zwei Stunden pro Nacht schlafe.

Worin liegen die Ursachen?

Weeß: Wir leben inzwischen in einer 24-Stunden-Nonstop-Gesellschaft. Viele Menschen sind im Bett zwar körperlich anwesend, gedanklich-emotional aber ganz woanders, meistens noch bei der Arbeit, die sie aufwühlt. Viele nutzen deshalb auch vor dem Schlafengehen noch die neuen Medien, checken Mails, planen mit dem Tablet den nächsten Tag vor, und das sind natürlich Verhaltensweisen, die uns den Schlaf rauben.

Wenn wir uns in den sozialen Medien tummeln oder eine Mail nach der anderen bearbeiten - wird das auch dann zum Problem für unseren Schlaf, wenn wir es tagsüber tun?

Weeß: Nein - solange wir genug Zeit haben, abends "herunterzukommen". Aber die abendliche Entspannung gelingt nach einem aufreibenden Tag immer weniger Menschen, die selbst im Bett noch Mails bearbeiten.

Die Welt dreht sich leider nicht langsamer. Was kann also der Einzelne tun?

Weeß: An erster Stelle muss in unserer Gesellschaft ein Bewusstseinswandel einsetzen: Viele Menschen schätzen den Schlaf nicht mehr, er wird als notwendiges Übel betrachtet. Wer wenig schläft, gilt als hip und dynamisch. Wer viel schläft, gilt als träge und faul. Ich glaube, die Menschen müssen sich erst wieder deutlich machen, wie wichtig der Schlaf für Körper, Psyche und Geist ist. Dann fällt es einem auch leichter zu sagen, ich führe ein Einschlafritual ein und gehe vor dem Schlafengehen auf Abstand zu den Dingen, die mich tagsüber beschäftigt haben.

Und was ist mit Fernsehen?

Weeß: Ganz Deutschland schläft eigentlich vor dem Fernseher mit am besten. Das liegt daran, dass das Fernsehprogramm selbst wenig stimulierend ist, wir gleichzeitig von unseren Sorgen, Nöten und Ängsten abgelenkt werden, und es dadurch zu einer Entspannung kommt. So können wir sogar an dieser wenig schlaffreundlichen Stelle - es ist hell, laut und unbequem - recht gut schlafen.

Was hilft außer dem Griff zur Fernbedienung?

Weeß: Noch besser ist es, den Tag bewusst abzuschließen, zum Beispiel, indem ich mir aufschreibe, was gut und was schlecht war oder mir eine Liste mit Aufgaben für den kommenden Tag mache. So kann man diese Dinge fürs Erste loslassen. Anschließend kann ich mich einer entspannenden Tätigkeit zuwenden, zum Beispiel ein Hörbuch laufen lassen oder Musik - und schließlich einschlafen.