Gesundheit

Cannabis auf Rezept Droge wird vor allem bei chronischen Schmerzen verschrieben / Viele Fragen zur Wirksamkeit offen

Mediziner dämpfen Hoffnungen

Berlin.Mehr als ein Jahr nach der Freigabe lassen sich vor allem in Baden-Württemberg viele Patienten medizinisches Cannabis verschreiben. Nach Angaben der Techniker Krankenkasse (TK) von gestern kommen auf 100 000 Versicherte 152 Cannabis-Verordnungen. Nur im Saarland (209) und in Bayern (156) seien es mehr. Seit das Gesetz „Cannabis als Medizin“ gilt, sind allein bei der AOK Baden-Württemberg 1745 Anträge eingegangen, wie die Krankenkasse mitteilte. Die Genehmigungsquote liege bei 82,5 Prozent. Knapp die Hälfte der Anträge sei zur Behandlung von Schmerzen gestellt worden.

Trotz verschiedener Bedenken beim Einsatz von Cannabis in der Medizin rechnet die Techniker Krankenkasse (TK) mit einem weiteren Anstieg bei den Verordnungen. Nach der Freigabe im März 2017 habe man eine deutliche Zunahme beobachtet, und es sei noch eine Verdoppelung oder Verdreifachung möglich, sagte TK-Vorstandschef Jens Baas gestern in Berlin. Die Kasse stellte ihren „Cannabis-Report“ vor, der mit der Uni Bremen entstand. Demnach gingen seit den Gesetzesänderungen mehr als 16 000 Anträge bei den gesetzlichen Krankenkassen ein (Stand Februar 2018). Davon seien mehr als 60 Prozent genehmigt worden. Laut dem Report ist Cannabis aber nur selten eine Alternative zu bewährten Therapien.

Für die TK habe medizinisches Cannabis mit knapp 3000 Anträgen und Kosten von 2,3 Millionen im Jahr 2017 keinen besonderen Stellenwert, betonte Baas. Das große öffentliche Interesse am Thema sei Anlass für den Report gewesen. Er plädierte dafür, Cannabis wie jedes andere Medikament zu behandeln.

Als erster Deutscher hatte ein Mannheimer Patient im April 2016 vor dem Bundesverwaltungsgericht erstritten, Cannabis als Schmerzmittel selbst anbauen zu dürfen. Der heute 54-Jährige leidet unter Multipler Sklerose, herkömmliche Behandlungsmethoden hatten ihm keine Linderung gebracht.

Belastbare Studien nötig

Einen Anlass, Cannabis für ein pflanzliches und damit grundsätzlich gutes Mittel zu halten, sehen die Verfasser der Untersuchung um den Pharmakologen Gerd Glaeske unterdessen nicht. Bestenfalls „denkbar“ sei die Anwendung anhand der Studienlage bei chronischem Schmerz, Spasmen bei Multipler Sklerose, Epilepsien, bei Übelkeit durch Chemotherapie und um den Appetit bei HIV und Aids zu steigern, heißt es im Report. Insgesamt bleibe weiter unklar, welchen Patientengruppen Cannabis in welcher Dosis und welcher Form helfen kann. Nötig seien belastbare und öffentliche finanzierte Studien, betonte Gerd Glaeske.

Nach Erfahrung des Leitenden Oberarztes der Klinik für Anästhesiologie an der Charité, Michael Schäfer, sind es einzelne Patienten mit komplexen Krankheitsbildern, bei denen Cannabis anspricht, nachdem andere Therapien versagten. Nebenwirkungen, die zum Abbruch führen könnten, seien etwa Halluzinationen.

Seit März 2017 ist es möglich, Cannabis auf Rezept zu bekommen. Zuvor brauchten Patienten Ausnahmegenehmigungen. Nun müssen Ärzte die Wahl einer Cannabis-Therapie begründen. Experten zeigten sich skeptisch und warnten davor, Schwerkranken falsche Hoffnungen zu machen.