Gesundheit

Medizin Zahl der Transplantationen auf dem Tiefpunkt / Widerspruchslösung stark umstritten

Organspende: Brauchen wir eine Neuregelung?

Archivartikel

Experten schlagen Alarm. 2017 hat die bereits sehr niedrige Zahl der Organtransplantationen in Deutschland einen neuen Tiefpunkt erreicht. Auf eine Million Einwohner kommen hierzulande lediglich elf Spender, während es in Europa 19,5 sind. Spitzenreiter Spanien verzeichnet fast 40. Eine Erklärung für die großen Unterschiede liefern die jeweiligen rechtlichen Vorgaben. In Deutschland etwa gilt nur derjenige als Spender, der sich zu Lebzeiten dazu bereiterklärt hat – etwa durch einen entsprechenden Ausweis. Muss diese Praxis angesichts des dramatischen Organmangels geändert werden?

Pro

Zwei Meldungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: In Deutschland spenden immer weniger Menschen ihre Organe, in Spanien hingegen wurde ein Rekord bei den Transplantationen aufgestellt. Dies zeigt: Die sogenannte Entscheidungslösung, wonach jeder Bürger in regelmäßigen Abständen gefragt wird, ob er im Falle eines Falles zur Organspende bereit ist, hat hierzulande katastrophal versagt. Was wir brauchen, ist eine grundsätzliche Neuregelung.

Wie die aussehen könnte, haben zahlreiche europäische Länder, darunter Österreich, Luxemburg, Frankreich und eben Spanien, bereits vorgemacht. Dort gilt die Widerspruchsregelung. Und diese besagt, dass jeder Mensch als Spender angesehen wird, außer er widerspricht vorher ausdrücklich.

Natürlich ist es legitim, wenn jemand seine Organe nicht spenden möchte, aus welchen Gründen auch immer. Problematisch aber wird es, wenn – wie in Deutschland – die Nicht-Spende zur unhinterfragten medizinischen Routine geworden ist. Die Einführung einer Widerspruchslösung könnte hierzulande das dringend nötige Umdenken einläuten. Danken würden es die vielen schwerstkranken Menschen, die auf den Wartelisten stehen. In Deutschland sind das derzeit mehr als 10 000 Männer, Frauen und Kinder. Sie alle hoffen auf ein weitgehend normales Leben. Doch viele von ihnen werden das dazu nötige Organ nicht rechtzeitig erhalten. (Von unserem Redaktionsmitglied Madeleine Bierlein)

Kontra

Klar ist: Organspenden retten Leben. Und es stimmt, dass sich in Deutschland nur wenige Menschen bereiterklären, ihre Organe nach dem Tod anderen zur Verfügung zu stellen. Doch das liegt nicht an ihrem fehlenden moralischen Bewusstsein, sondern an mehreren strukturellen Problemen. Angesichts wiederholter Manipulationen durch Ärzte, wie zum Beispiel im Organspende-Skandal 2012 in Göttingen, ist das Vertrauen der Deutschen nachhaltig erschüttert. Ärzte brauchen nur einige falsche Blutwerte zu notieren, und können damit das Vergabesystem manipulieren. Wie könnte es da moralisch gerechtfertigt sein, Menschen zur Organspende zu zwingen?

Eine Widerspruchspflicht ist nicht zielführend, denn eine bürokratische Zwangsmaßnahme übergeht die Entscheidungsfreiheit der Sterbenden. Zumal es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, ab wann jemand als verstorben gilt. Ärzte begreifen einen Patienten als tot, wenn dessen Nervenzellen im Gehirn weiträumig abgestorben sind (Hirntod). Doch diese Menschen haben noch einen Puls – für viele gelten sie daher als sterbend, aber noch nicht als tot. Wenn sie also zuvor der Spende nicht widersprechen, werden ihnen im Fall einer Widerspruchslösung die Organe entnommen. Wie falsch solch ein Zwang wäre, merkt man spätestens dann, wenn man sich in die Lage der Angehörigen versetzt. Die Organspende sollte daher eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben. (Von unserem Redaktionsmitglied Hasan-Hüseyin Kadioglu)