Gesundheit

Gesundheit Wissenschaftler empfehlen drastische Anhebung der Tabaksteuer – um Konsum effektiv zu reduzieren / Umfassendes Werbeverbot überfällig

Rauchen kostet Gesellschaft 97 Milliarden

Heidelberg.Die finanziellen Folgen des Rauchens für Gesundheitswesen und Volkswirtschaft sind in Deutschland dramatisch gestiegen. Im Jahr 2018 summierten sie sich auf rund 97 Milliarden Euro. Diese Zahlen haben Wissenschaftler am Mittwoch bei der Konferenz für Tabakkontrolle im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg vorgestellt. Zum Vergleich: 2008 lagen diese Kosten noch bei knapp 80 Milliarden Euro.

„Deutschland tut bislang zu wenig, um den Tabakkonsum deutlich zu senken“, warf Ute Mons, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am DKFZ, der Politik vor. Sie betonte, dass Rauchen der bedeutsamste einzelne, vermeidbare Risikofaktor für Krebs-, Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen ist. Jedes Jahr sterben 120 000 Menschen an den Folgen des Rauchens, 85 000 von ihnen an Krebs.

Weiterer Anstieg befürchtet

Obwohl die Raucherquote bei jungen Menschen inzwischen gesunken ist, wirkt sich dies bislang nicht positiv auf die Folgekosten aus. Nach Angaben von Tobias Effertz, Gesundheitsökonom an der Universität Hamburg, liegt dies vor allem daran, dass sich die Folgen des Rauchens meist erst im Alter bemerkbar machen. Sollte die Politik nicht gegensteuern, erwartet der Wissenschaftler einen weiteren Anstieg der Kosten. Effertz betonte in diesem Zusammenhang: „Auch nach langen Raucherkarrieren führt ein Rauchstopp zu deutlichen Gesundheitsverbesserungen.“ Was wiederum die Folgekosten senke. Darin enthalten sind etwa Aufwendungen für die Behandlung von rauchbedingten Krankheiten, für Pflege und Reha, Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. In Deutschland rauchen 26 Prozent der Männer und 18,5 Prozent der Frauen (Stand: 2017).

Wie effektive politische Maßnahmen aussehen könnten, darüber herrschte auf dem zweitägigen Kongress in Heidelberg Einigkeit. Die Wissenschaftler fordern zum einen deutliche Steueraufschläge und zum anderen ein umfassendes Werbeverbot. „Tabaksteuererhöhungen sind die wirksamste Maßnahme zur Förderung des Nichtrauchens“, sagte DKFZ-Expertin Mons. Eine spürbare Erhöhung würde in allen Altersgruppen zu einem Rückgang der Raucherquote führen, sich aber besonders bei jungen Menschen auswirken. Ökonom Effertz sprach sich für einen Anstieg von mindestens 30 Prozent aus. Würde man die Folgekosten mit einpreisen, müsste der Preis für ein Päckchen Markenzigaretten nach seinen Worten sogar bei rund 14 Euro – statt derzeit rund 6,70 Euro – liegen.

Industrie wehrt sich

Überfällig ist laut der Experten zudem ein umfassendes Verbot von Tabakwerbung. „Es ist unter Gesichtspunkten des Kinder- und Jugendschutzes nicht akzeptabel, dass in Kinofilmen nach 18 Uhr Werbung für Tabakprodukte gezeigt werden darf“, betonte Effertz. Deutschland ist das einzige Land in der EU, in dem Zigaretten noch auf Plakaten und im Kino beworben werden dürfen. Und das, obwohl ein umfassendes Verbot laut Tabakrahmenkonvention der Vereinten Nationen und eines Abkommens der Weltgesundheitsorganisation spätestens 2010 hätte erlassen werden müssen.

In der vergangenen Legislaturperiode war eine Ausweitung allerdings gescheitert. Die Tabakbranche hatte argumentiert, diese stelle einen unverhältnismäßigen Eingriff in die Werbefreiheit dar. Die aktuelle große Koalition verhandelt nun schon seit Monaten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat eine „Haltung“ zum Thema bis zum Jahresende angekündigt.