Handball

Frankreich Das Vorrunden-Aus zeigt, dass die vielen Toptalente noch nicht die Mentalität ihrer legendären Vorgänger haben

Halbstarke Hochbegabte

Archivartikel

Trondheim.Luc Abalo sagte einen bemerkenswerten Satz, weil diese Worte so viel ausdrückten und die Tragweite des Scheiterns auf eine durch und durch präzise Art und Weise verdeutlichten. „Das ist neu für mich. Zum ersten Mal bin ich so früh ausgeschieden“, sagte der Rechtsaußen der französischen Handball-Nationalmannschaft bei „beIN Sports“ nach dem 26:28 gegen Gastgeber Norwegen und dem damit verbundenen Vorrunden-Aus bei der EM. Der 35-Jährige trug 2005 (!) zum ersten Mal das Trikot der „Équipe Tricolore“, die seitdem zweimal Olympiasieger, viermal Welt- und zweimal Europameister wurde.

Zeit des Umbruchs

Keine Frage: Die Franzosen dominierten mehr als ein Jahrzehnt lang den internationalen Handball – und das nicht, weil sie immer besonders schön spielten, sondern weil sich unfassbare individuelle Klasse mit Siegermentalität paarte. Jérome Fernandez, Thierry Omeyer, Daniel Narcisse, Bertrand und Guillaume Gille prägten dieses Team und waren geradezu dafür geschaffen, in großen Spielen Großes zu leisten. Aber sie haben allesamt ihre Karrieren beendet, wie auch Didier Dinart, der jetzige Nationaltrainer, der in der Stunde der Enttäuschung – ob gewollt oder nicht – zurückblickte: „Wir wussten in der Vergangenheit, wie man gegen die Gastgeberländer gewinnt. Dieses Mal wussten wir nicht, wie man es macht.“

2009 und 2015 besiegten die Franzosen jeweils im WM-Finale die Turnier-Ausrichter Kroatien und Katar, bei der EM 2014 gelang das im Endspiel auch gegen die Dänen. Bisweilen schien es so, dass sich diese unersättliche Mannschaft nach immer größeren Herausforderungen sehnte, was insbesondere für ihren Superstar Nikola Karabatic galt. Der 35-Jährige ist neben Abalo, Michael Guigou (37) und Cedric Sorhaindo (35) einer der letzten Verbliebenen einer goldenen Generation, die nun mehr und mehr durch junge Hochbegabte abgelöst wird.

Kurzum: Es ist nicht so, dass der französische Handball nach diesem „monumentalen Schlag“, wie es der „Figaro“ nannte, plötzlich vor der internationalen Bedeutungslosigkeit steht. Im Gegenteil: Jungstars wie Melvyn Richardson (22, Montpellier HB), Dika Mem (22, FC Barcelona) Ludovic Fabregas (23, FC Barcelona) und Romain Lagarde (22, Rhein-Neckar Löwen) spielen längst bei europäischen Spitzenvereinen und stehen als Kronprinzen bereit, sie bekommen bereits viel Einsatzzeit in der Nationalmannschaft. Auch bei dieser EM. Aber bei aller Klasse, die diese Einzelkönner vereinen – die Gier, den Glauben und die Mentalität ihrer Vorgänger hat dieser Haufen an Hochbegabten bislang noch nicht gezeigt, die Jungen kamen eher ein wenig halbstark daher, was die Einzigartigkeit von Karabatic und Co. unterstreicht.

Vielleicht haben sie es aber auch nicht zeigen können, weil immer noch ein paar einstige Helden dabei sind, die es in Krisenzeiten richten sollen – und mit denen die nachrückende Generation immer verglichen wird. „Ich hoffe, wir können eine neue Ära starten. Aber das ist kompliziert“, meinte Löwen-Neuzugang Lagarde vor wenigen Monaten im Gespräch mit dieser Zeitung, als er zum nahenden Umbruch gefragt wurde: „In der Weltspitze liegt alles eng beisammen. Da ist es schwer, immer der Beste zu sein.“ Seine Vorgänger hatten diesen Anspruch – und sie erfüllten ihn.

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