Handball

DHB-Frauen Trainer Henk Groener soll seinen Vertrag verlängern und das Team behutsam aufbauen, es gleichzeitig aber auch bei der WM Richtung Olympia führen

Kurzfristiges Langzeitprojekt

Archivartikel

Hannover.Die Frage richtete sich gar nicht an ihn, sondern an Henk Groener, den Trainer der deutschen Frauen-Handball-Nationalmannschaft. Doch DHB-Präsident Andreas Michelmann wurde auf dem Podium gleich ein wenig unruhig, als der neben ihm sitzende Niederländer beantworten sollte, wie schwierig denn dieser Spagat zwischen Kurz- und Langfristigkeit sei.

Denn einerseits soll der 59-jährige Groener ja bei der WM in Japan im November und Dezember die seit langer Zeit ins internationale Mittelmaß versunkene deutsche Mannschaft irgendwie zu einem Olympia-Qualifikationsturnier führen, wofür die stark verjüngte und radikal umgebaute Auswahl in Fernost Siebter werden muss, was als sehr ambitioniertes Ziel gilt. Andererseits ist er Anfang 2018 mit der Aufgabe betreut worden, das Team behutsam in die Weltspitze zu führen, was ihm auch schon mit der Auswahl seines Heimatlandes gelang. Solch ein Aufbau verläuft aber selten linear, sondern beinhaltet immer das Risiko von Rückschlägen, wozu explizit das Verpassen von Turnieren gehört.

„In der Nationalmannschaft muss man kurzfristig immer Erfolg haben“, antwortete Groener nach dem 32:23 über Kroatien auf die Frage nach dem Spagat ein wenig ausweichend, ehe Michelmann gleich einhakte, um allein schon die rein theoretische Möglichkeit von Diskussionen um den Bundestrainer bei der sehr realistischen Möglichkeit eines vorzeitigen Olympia-Knockouts auszuschließen: „Wir haben vor, den Vertrag mit Henk noch vor der WM zu verlängern. Wir sind sehr zufrieden mit ihm und ein WM-Abschneiden ist nicht unser Kriterium für die Zusammenarbeit.“ Soll heißen: Komme was wolle, der Trainer soll bleiben. Der aktuelle Vertrag mit ihm läuft noch bis zum 31. August 2020.

So wenig vernünftig dieser Freifahrtschein auf den ersten Blick klingt, so wenig überraschend ist er bei genauerem Hinsehen. Groener, ein sachlicher Vertreter seiner Zunft, tut der immer noch nach sich selbst suchenden Mannschaft, die momentan in etwa so fertig ist wie der Stuttgarter Hauptbahnhof, schlichtweg gut. Er strahlt auf der Bank eine Ruhe aus, als koche er sich gerade einen morgendlichen Kaffee, während die Spielerinnen seine Anweisungen mit der Neugierde von Physikstudentinnen aufsaugen, als ob sie gerade dem Vortrag eines Nobelpreisträgers lauschen. Kurzum: Die Teamchemie stimmt, weshalb der Trainer deutlich signalisierte, dass man sich beim neuen Vertrag schon einig werde.

Alles andere als eine Zusammenarbeit über einige Jahre macht nach dem angestoßenen Prozess auch keinen Sinn, die Entwicklung anderer Nationen dient außerdem als Blaupause. In Norwegen, Frankreich und den Niederlanden gibt es seit vielen Jahren wenige Veränderungen bei den Auswahlteams. „Und diese Nationen machen die Medaillen unter sich aus, das kann ja kein Zufall sein“, sagte Groener, der am Dienstag in Stuttgart seinen WM-Kader nominiert, seine Mannschaft auf einem guten Weg sieht und davon überzeugt ist, die Talsohle durchschritten zu haben.

Es sind Sätze wie diese, die in ähnlichen Situationen – ob im Club oder bei der Nationalmannschaft – immer und immer wieder fallen. Sie wirken beruhigend, doch der Bundestrainer ließ seine Worte nicht einfach so im Raum stehen, sondern sprach auch die Realität recht deutlich an. „Von der Weltspitze sind wir noch einige Schritte entfernt“, machte der 59-Jährige klar und sprach diesen Satz nicht so aus, als bereite ihm das irgendwelche Sorgen. Er sagte das exakt im Sinne seines Auftretens: Unaufgeregt – und gerade das macht ihn für den DHB so wertvoll.

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