Handball

Handball DHB-Talenttrainer Carsten Klavehn sieht die Nachwuchsarbeit in der Corona-Krise gut gerüstet

„Man muss keine Angst haben“

Archivartikel

Leutershausen.Wenn am Donnerstagnachmittag die Deutsche Handball-Nationalmannschaft in Düsseldorf zum EM-Qualifikationsspiel gegen Bosnien-Herzegowina antritt, sind zahlreiche Akteure dabei, die alle Auswahlmannschaften des Deutschen Handball-Bunds (DHB) durchlaufen haben. So auch Mannschaftskapitän Uwe Gensheimer.

Der Linksaußen von den Rhein-Neckar Löwen wurde 2004 Torschützenkönig der Jugend-EM, 2006 Europameister mit der Junioren-Nationalmannschaft und 2007 Vize-Weltmeister. Seine Karriere wurde von den Auswahltrainern in Baden und nicht zuletzt des DHB begleitet und in die richtigen Bahnen gelenkt. Die Turniere mit den Nachwuchsteams brachten Gensheimer die Wettkampfhärte und waren immer wieder ein neuer Anreiz.

Einschränkungen wegen Corona

Doch wie sieht es aktuell mit dem Handball-Nachwuchs aus? Corona hat viele Vergleiche zunichte gemacht, zahlreiche Trainingslehrgänge fanden nicht statt. Bei der männlichen U 18 wurde die Weltmeisterschaft in Griechenland auf den Sommer 2021 verlegt, die Europameisterschaften der U 18 und U 20 wurden abgesagt. Die WM der weiblichen Altersklassen U 18 und U 20 sind auf unbestimmte Zeit in das Jahr 2021 verschoben.

„Das ist natürlich alles andere als ideal, aber wir sollten auch nicht allzu schwarz malen. Angst muss man um den Deutschen Handball nicht haben“, möchte Carsten Klavehn die fehlenden Turniere nicht überbewerten. Der 48-jährige Leutershausener ist seit April 2018 hauptamtlicher Talentcoach des weltgrößten Handballverbands und hat damit einen breiten Überblick über die Entwicklung der deutschen Talente.

„Gerade im ersten Lockdown im Frühjahr hat man bei einigen Spielerinnen und Spielern gesehen, dass sie extrem fleißig waren und im athletischen Bereich enorm viel gearbeitet haben“, unterstreicht Klavehn. Besonders im weiblichen Nachwuchsbereich wurden große Fortschritte gemacht. „Bei den Mädels fiel es mehr auf, dass sie sich athletisch verbessert haben, weil die Jungs schon von einem höheren Level gestartet waren“, erläutert der erfahrene Trainer. Dass die Spielfähigkeit eventuell unter den fehlenden Wettkämpfen gelitten haben könnte, möchte Klavehn nicht ausschließen: „Das wird man erst in den nächsten ein, zwei Jahren beurteilen können. Fakt ist aber auch, dass man umso mehr Zeit bei der Entscheidung in der jeweiligen Spielsituation hat, umso besser man athletisch ausgebildet ist. Vielleicht gleicht sich das perspektivisch aus.“

Auch jetzt, im neuen Teil-Lockdown, in dem die Nachwuchskaderathleten in ihren Heimatvereinen meist keine Trainingsmöglichkeiten mehr haben, hat Klavehn viel Selbstverantwortung beobachtet: „Diejenigen, die jetzt gut arbeiten und sich mit individueller Arbeit hervorheben, werden mittelfristig klare Vorteile haben“, ist er überzeugt. Dass zahlreiche Spielerinnen und Spieler sich sogar Langhanteln angeschafft haben, ist für ihn ein Symbol für den Ehrgeiz.

Bröckelt die Breite?

„Wir begleiten den Nachwuchs nach wie vor und haben auch den Vorteil, dass wir nach dem ersten Lockdown recht früh wieder mit unseren Maßnahmen beginnen konnten. Jetzt befinden wir uns in einer Phase, in der wir unter Einhaltung eines Hygienekonzepts, das an den Profisport angelehnt ist, versuchen, möglichst noch Maßnahmen abzuhalten“, erläutert der frühere Bundesliga-Spieler. Den Einwand, dass alle Nationen das gleiche Problem haben, lässt er nicht gelten: „Weil wir das schlicht und einfach durch die fehlenden direkten Vergleiche nicht wissen.“

Während Klavehn die Leistungsspitze in verhältnismäßig gutem Zustand sieht, ist für ihn die Breite im Nachwuchshandball ein größeres Problem: „Hier sind die Möglichkeiten der Trainingssteuerung und der individuellen Maßnahmen eher begrenzt. Ich weiß, dass viele Vereine und Verbände sehr kreativ sind und ihre Spieler mit Videos und Challenges versuchen, bei der Stange zu halten. Aber ob dies immer gelingt, wird sich in zwei, drei oder sogar erst fünf Jahren zeigen“, könnte sich Klavehn vorstellen, dass langfristig die Breite bröckelt.

„Es ist schon schade, dass der Vereinssport wieder auf Eis liegt, aber die Gesundheit geht vor“, so der Trainer. „Wir hoffen, dass die Vereine bald wieder loslegen können, denn deren Leistung in der Nachwuchsarbeit ist gar nicht hoch genug zu bewerten.“