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Handball Ex-Bundestrainer Dagur Sigurdsson genießt die Arbeit in Japan

Mehr Zeit für Papa

Archivartikel

Potsdam.Es war ein überraschender Schritt, als der erfolgreiche Bundestrainer Dagur Sigurdsson 2017 den Deutschen Handball-Bund verließ und ins handballerisch wenig erschlossene Japan ging. „Ich bin überglücklich mit dieser Entscheidung und stehe voll hinter dem eingeschlagenen Weg“, sagt der Isländer, der Deutschland zum EM-Titel geführt hatte. Sigurdsson ist zurück in Deutschland, er weilt mit der japanischen Nationalmannschaft für ein zweiwöchiges Trainingslager in Potsdam.

„Sportlich bin ich zwei bis drei Stufen runtergegangen. Doch damit kann ich gut leben. Das Umfeld hier ist super, und die Spieler sind unheimlich ehrgeizig und lernwillig“, betont Sigurdsson. Neben dem Reiz, etwas Neues zu wagen, gab es noch einen anderen Grund für den Abschied aus Deutschland. „Ich wollte wieder mehr Zeit mit meiner Familie in Island verbringen – vor allem mit meinen Eltern“, erläutert er und lässt einen für ihn ungewöhnlichen Blick ins Private zu: „Mein Vater hat Alzheimer.“

Als Füchse- und Nationalcoach wirkte Sigurdsson oft wortkarg verschlossen. In der Öffentlichkeit zu stehen, nahm er als notwendiges Übel in Kauf. Bei seiner Rückkehr präsentiert er sich jetzt locker und gut gelaunt. Die Testspiele in Europa seien „Gold wert“ für seine Spieler, um sich mit stärkeren Handballern zu messen.

In der Potsdamer MBS-Arena lässt Sigurdsson seine Spieler einen Kreis bilden. Sie klatschen sich kurz ab und eröffnen das Training mit einem lauten japanischen Ruf. Sigurdsson gibt die Kommandos in der Landessprache. „Im Spiel und im Training spreche ich Japanisch, ansonsten Englisch und mein Co-Trainer übersetzt“, erzählt er. Als Spieler hatte er drei Jahre in Japan bei Wakunaga Hiroshima verbracht. Nun pendelt er zwischen Island und Tokio hin und her, ist ein Drittel des Jahres in Japan.

Füchse-Manager Bob Hanning bezeichnet die Aufbauarbeit seines Freundes in Fernost als „Herkules-Aufgabe“. Das größte Problem seiner jungen Mannschaft, die mit einer Wildcard an der WM 2019 in Deutschland und Dänemark teilnehmen darf, sei die fehlende Erfahrung und „die 20 bis 30 Zentimeter, die gegenüber Europäern“ an Körpergröße fehlen, fügt Sigurdsson mit einem Grinsen hinzu. Von dem Niveau in Europa sei der japanische Handball weit weg. Sigurdssons Ziel ist es, die Mannschaft langsam aufzubauen und nach den Olympischen Spielen 2020 in Tokio an die Top-20 der Welt heranzukommen.

Mit der deutschen Auswahl gewann Sigurdsson 2016 den EM-Titel und holte wenig später bei den Olympischen Spielen in Rio die Bronze-Medaille. Trotz der enttäuschend verlaufenen EM Anfang des Jahres in Kroatien und der Missstimmung zwischen Mannschaft und Bundestrainer Christian Prokop traut er dem deutschen Team bei der WM im kommenden Jahr einiges zu: „Sie haben bei der Heim-WM alle Chancen. Deutschland gehört noch zur Weltspitze.“