Handball

Handball Der neue Bundestrainer Alfred Gislason steht wie kaum ein anderer für Titelgier

Vom Ehrgeiz getrieben

Hannover.Um zu verstehen, wie Alfred Gislason tickt, reicht ein einziger Blick zurück. Es ist der letzte Spieltag der Bundesliga-Saison 2011/12, der Trainer steht mit dem THW Kiel längst als deutscher Handball-Meister fest, auch der 34. Sieg im 34. Spiel ist den Norddeutschen nicht mehr zu nehmen, als sich der Isländer kurz vor dem Abpfiff der Partie gegen den VfL Gummersbach seinen Kapitän Marcus Ahlm schnappt. Der Coach gibt seinem Spieler bei einer Zehn-Tore-Führung mit auf den Weg, die Begegnung doch bitte mit zwölf Treffern Vorsprung zu gewinnen: „Damit wir eine Tordifferenz von plus 300 haben.“ Als wenn das irgendjemanden im kollektiven Jubel interessiert hätte – außer natürlich den Trainer.

Entspannung auf dem Bauernhof

Am Ende knackt seine Mannschaft diese Marke dann auch nicht – und Gislason räumt später ein, „es übertrieben zu haben“. Es ist eine passende Einschätzung eines Mannes, der aber nicht anders kann. Der 60-Jährige ist ein vom Ehrgeiz Getriebener. Er will immer das Maximum, sehnt sich stets nach Perfektion und kann nicht ohne Handball – auch wenn der Isländer es eine Zeit lang versuchte.

Am Freitag sitzt Gislason in einem Hannoveraner Hotel und wird als neuer Coach der deutschen Nationalmannschaft vorgestellt, nachdem er im Juni 2019 in Kiel aufgehört hatte. Beim THW liefen damals Wetten, ob es der frühere Rückraumspieler zwei Monate ohne Trainertätigkeit aushält. Er selbst setzte sich das Ziel, es mindestens bis 2020 zu schaffen – was dann ja auch gelang. „Ich habe 22 Jahre am Stück als Bundesligatrainer gearbeitet, dieser Job ist sehr zeitintensiv. Ich bin froh über diese Pause“, sagt Gislason, der beim Deutschen Handballbund (DHB) auf Christian Prokop folgt und in seinem bisherigen Trainerdasein nicht nur Erfolge feierte, sondern auch viele Stunden auf Auswärtsreisen verbrachte. Doch auf diesen Stress als Club-Coach hat der Isländer keine Lust mehr. Wenn er einmal ein Buch über sich schreiben sollte, würde es den Titel „Mein Leben im Bus“ tragen, scherzte der 60-Jährige nach dem Ende seiner Kieler Ära.

Seit seinem dortigen Abschied entspannte Gislason mit seiner Frau Kara auf seinem renovierten Bauernhof in Wendgräben vor den Toren Magdeburgs. Dieser Fleck ist seit fast zwei Jahrzehnten sein Rückzugsort, an dem er „alles komplett vergessen kann“, sich seinen Obstbäumen, dem Gemüseanbau oder den sage und schreibe 500 Rosen widmet. „Ich bin ein wenig manisch“, gab der neue Bundestrainer einmal zu, als er seine Vorliebe für den Garten erklären sollte: „Wenn ich etwas mache, dann komplett.“ Sprich: Ganz oder gar nicht.

Für den DHB ist das erst einmal eine gute Nachricht. Gislason brennt nach wie vor. Oder wie er es bei seiner Vorstellung ausdrückt: „Nach drei, vier Monaten hatte ich von der Pause die Schnauze voll. Es hat wieder gejuckt und ich habe gespürt, welch großer Bestandteil meines Lebens der Handball ist.“ Und wenn der deutsche Verband nicht schnell gehandelt hätte, wäre der Isländer Trainer eines anderen Nationalteams geworden. Auch das wird am Freitag klar, als der DHB einen Einblick in den zeitlichen Ablauf des Trainercoups gewährt.

Wahrscheinlich Ende dieser Woche hätte Gislason woanders unterschrieben, doch dann rief am Montagabend DHB-Vize und Liga-Präsident Uwe Schwenker an. Er und Gislason kennen sich aus gemeinsamen Zeiten in Kiel – und schon nahm die Sache ihren Lauf. Heraus kam am Ende eher keine Entscheidung gegen Prokop, sondern eine für Gislason. Die Chance, ihn zu verpflichten, wollte sich der Verband nicht entgehen lassen, weil das Präsidium zu dem Entschluss kam, dass der „Erfolg mit Alfred wahrscheinlicher“ als mit Prokop ist. So beschreibt es zumindest DHB-Vize Bob Hanning, der sonst recht wortgewaltig auftritt, an diesem Freitag in Hannover aber einen recht kleinlauten Eindruck hinterlässt – und das nicht ohne Grund: Prokop war vor allem sein Mann. Aber letztendlich auch der Trainer, dem man den finalen Schritt zu einem Titelgewinn oder zu einer Medaille nicht zutraute.

Aura der Selbstverständlichkeit

Bei Gislason liegt der Fall anders. Allein schon aufgrund seiner Vita. Mit seinen unzähligen Erfolgen entwickelte er eine Aura der Selbstverständlichkeit, die viele Spieler fasziniert. Der Titelsammler strahlt Ruhe, Überzeugung und Souveränität aus. Einem wie ihm glaubt man einfach, weil er alles erlebt und vor allem gewonnen hat. Oder anders ausgedrückt: Die Spieler saugen seine Worte mit der Neugierde eines Physikstudenten auf, der gerade dem Vortrag eines Nobelpreisträgers lauscht. Sie folgen diesem Trainer, über den der ehemalige französische Weltklassemann Daniel Narcisse einmal sagte, dass Gislason an 340 von 365 Tagen im Jahr schlechte Laune hätte. Es ist allerdings eher das Gefühl von Zufriedenheit, das der Trainer nicht mag. Wenn es gut läuft, sucht er Dinge, die falsch laufen – oder der 60-Jährige nennt ganz einfach ein neues Ziel: Zum Beispiel eine Tordifferenz von plus 300.

Zum Thema